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Der Fall Jenapharm

Viele Dopingopfer des systematischen Zwangsdopings der DDR leiden unter Folgeschäden. Doch jahrelang kümmerte sich niemand um sie. Geld für ihre physischen und psychischen Leiden erhielten sie nicht. Bis sich das Blatt zugunsten der Athleten wendete.

Von Silke Hans

Depressionen, Tumore, Kinderlosigkeit, Krankhafte Brustbildung bei Männern, extremer Haarwuchs bei Frauen, Skelettverformungen, Leberschäden, Stimmvertiefungen. Die Liste der Leiden vieler ehemaliger Sportler der DDR ist lang. Schuld daran ist die planmäßige Vergabe von Dopingmitteln an die Athleten. Schon minderjährige Kinder wurden so ohne ihr Wissen zu Höchstleistungen gedopt. Schließlich sollten die Sportler als „Diplomaten in Uniform“ die Stärke der DDR nach außen transportieren. Trainer, Funktionäre und Politiker beteiligten sich am flächenmäßigen Doping. Und auch ein vierter Akteur war für das System unerlässlich: VEB Jenapharm, Produzent der gefährlichen Mittel. Insbesondere die berüchtigten „blauen Pillen“, das Anabolikum Oral Turinabol, kam aus den Werken von Jenapharm.

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Mit Pillen zum Erfolg - unter den Folgeschäden leiden heute immer noch viele. (Foto: stock.xchgn)

Selbst nachdem das Dopingsystem der DDR ans Licht kam dachte die Jenapharm GmbH, der Nachfolgebetrieb des DDR Unternehmens, nicht daran sich zu entschuldigen oder die Athleten finanziell zu entschädigen. Deshalb entschlossen sich geschädigte Sportler gegen das Unternehmen vorzugehen. Sie wollten für ihre Leiden Schmerzensgeld haben, wenigstens ein Teil der Schuld sollte wieder gut gemacht werden. 20.000 Euro pro Opfer – das forderten die Anwälte. Jenapharm habe Hormone hergestellt, die teilweise nicht zugelassen waren. Zwar sei Oral Turibanol als Medikament zugelassen, doch Jenapharm habe davon deutlich mehr produziert, als zu medizinischen Zwecken nötig gewesen wäre. Jenapharm habe sich vorsätzlich am DDR-Doping beteiligt und sei damit auch für die körperlichen Schäden der Opfer verantwortlich, so die Vorwürfe der Opferanwälte.

Zu diesem Zeitpunkt glaubte Jenapharm wohl noch, gute Chancen zu haben, einen möglichen Prozess zu gewinnen oder wenigstens keinen großen Imageschaden zu erleiden. Das Unternehmen beharrte auf seiner Position. Es sei nicht am systematischen Zwangsdoping der DDR beteiligt gewesen, weshalb es keine Entschädigung zahlen müsse. Ein Schlichtungsverfahren verlief ergebnislos.

Neue Chance für die Dopingopfer

Im Jahre 2006 wendete sich schließlich das Blatt zugunsten der Athleten. Erstmals entschied ein Gericht zugunsten eines Dopingopfers. Das Landgericht Berlin bewilligte der Schwimmerin Karen König Prozesskostenhilfe. Sie hatte bereits seit 2003 einen Pilotprozess gegen Jenapharm geführt. Zusätzlich stärkte ein erneutes Gutachten des Molekularbiologen Werner Franke die Position der Athleten. In diesem Gutachten lieferte Hinweise über die Verstrickung der VEB Jenapharm in Dopingsystem der DDR.

2006 reichten schließlich 152 Athleten Klage vor dem Oberlandesgericht in Frankfurt am Main ein und verlangten Schadensersatz und Schmerzensgeld. Neben dem Pharmakonzern sollte sich auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) für Dopingschäden verantworten. Mit dem DOSB kam es Ende 2006 zu einer Einigung. 167 Dopingopfer erhielten je 9.250 Euro Entschädigung.

Nun schien auch bei Jenapharm die Angst vor einer Verurteilung und den daraus folgenden Image- und finanziellen Schäden zu wachsen. Der Konzern war wieder bereit, mit den Opfern über eine angemessene Entschädigung zu verhandeln. Das Ergebnis war ein außergerichtlicher Vergleich. Auch hier wurden 9.250 Euro pro Dopingopfer gezahlt. Im Gegenzug verzichteten die Athleten auf eine Klage. Das bedeutete aber auch, dass Jenapharm nicht rechtskräftig verurteilt wurde. Ob und inwieweit der VEB Jenapharm tatsächlich in die DDR-Dopingpraxis verstrickt gewesen war, wurde nicht festgestellt. Das Pharmaunternehmen wies nach dem Vergleich ausdrücklich alle rechtliche Verantwortung von sich. Für Entschädigung verzichteten die Sportler damit auch auf ein Schuldeingeständnis – und eine Entschuldigung.

Für viele der gedopten Sportler ist das Geld nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn Tumore, Depressionen oder andere der Folgeschäden zu behandeln, kostet viel mehr Geld, als Jenapharm je gezahlt hat.

 

Wir haben für Sie zwei Dopingopfer getroffen. Lesen sie die bewegenden Geschichten von Andreas Krieger und Kerstin Rünzel.

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