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Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

Unter Schmerzen laufen

Sein Ziel ist und bleibt das Finale – doch Carsten Schlangen kann momentan nur unter Schmerzen laufen. Ob er trotzdem auf der blauen Bahn auf 1.500 Metern erfolgreich sein wird?

CarstehSchlangen

Carsten Schlangen, 1500m-Läufer

Geburtstag: 31. Dezember 1980

Wohnort: Berlin

Beruf: Architekturstudent

Persönliche Bestleistung: 3:34,60 (2009)

Großer Läufer: 1,90 Meter groß, 66 Kilo leicht

Interview: Jade-Yasmin Tänzler

Sie haben das Bundesleistungszentrum Kienbaum vor einer Woche als eine Art Zwangsveranstaltung beschrieben. Fühlen Sie sich hier eingeengt?

Die deutsche Nationalmannschaft muss zwangsweise nach Kienbaum. Aber ich empfinde Kienbaum jetzt doch anders, als ich es mir vor einer Woche gesagt habe. Es ist ziemlich locker hier, und man wird nicht Tag und Nacht belagert. Es wird auch nicht ständig auf einen aufgepasst. Man kann mal mit dem Fahrrad rausfahren, wie ich das mache. Kienbaum ist also doch sinnvoll, denn in Berlin kommt man wenig zur Ruhe.

Sie wohnen und trainieren in Berlin, ist es da etwas Besonderes für Sie, im Olympiastadion die WM zu bestreiten?

Im Olympiastadion ist Laufen immer etwas Besonderes. Ich habe die Wettkämpfe dort immer sehr genossen. Ich bin im Olympiastadion 2008 und 2009 meine beiden Bestzeiten gelaufen und laufe sehr gerne dort. Die Bahn dort ist sehr schnell. Es ist einfach ein schönes Gefühl, unten in diesem Kessel zu sein. Mittlerweile kennen die Zuschauer einen auch ein bisschen.

Was macht die blaue Bahn im Olympiastadion besonders?

Ich bin bisher im Olympiastadion immer Bestzeiten gelaufen. Ich habe da einfach das Gefühl, das ich auf der Bahn sehr gut rollen kann. Es gibt auch Stadien, da weiß ich immer schon, das läuft nicht, aus welchem Grund auch immer. Im Olympiastadion sind die Außenmauern ziemlich hoch, das ist wie ein Kessel. Wenn man dann mal ungünstigen Wind hat, pfeift vielleicht vom Marathontor mal was rein, aber ansonsten ist es total windstill dort. Das ist ideal. Da habe ich mein eigenes Mikroklima.

Wie wirkt die blaue Farbe der Tartanbahn?

Ich finde die blaue Farbe persönlich sehr angenehm. Das ist bei mir vielleicht auch im Bereich der Psychologie angesiedelt. Manchmal sind diese roten Farben bei Wettkämpfen sehr aggressiv. Blau wirkt da von der Farbwahl her eher beruhigend. Als Architekt kann ich da ein Beispiel bringen: In Washington DC hat man das bei der Stadtplanung auch mit einbezogen. Es sollte eine Kombination aus Blau, Grün und Weiß werden. Die Gebäude sollten weiß sein, die angelegten Seen blau und die Wiesen grün. Und zumindest blau und grau-weiß haben wir im Olympiastadion auch schon. Vielleicht ziehen sich ein paar Läufer dann noch grün an. (lacht)

Beim Boxen gibt es einen Moment, wo sich die Gegner einschüchternd in die Augen schauen. Gibt es unter Läufern auch solche Rituale?

Läufer sind ja von ihrer Natur aus eher verhuscht. Robert Harting würde wahrscheinlich sagen, wir sind die Leute mit dem Hang zum Flüchten. Es gibt mit Sicherheit Leute, die sich vor dem Start sehr stark in die Augen gucken und verunsichern wollen. Aber die meisten Läufer schauen sich im Callroom – da wo man letztendlich das erste Mal zusammentrifft – vielleicht kurz an. Aber dann guckt man auch gleich wieder weg oder auf den Boden. Die meisten Läufer haben mit ihren eigenen Ängsten und Sorgen schon genug zu tun, dann kommt es meist nicht zu so einer Boxersituation.

An welchen Orten in Berlin trainieren Sie besonders gerne?

Bei mir vor der Haustür habe ich eine Lieblingsroute, die ich oft laufe. Dieses Jahr ging das nicht so häufig, weil ich Probleme mit einer Knochenhautentzündung hatte. Die Strecke hat 50 Prozent Stadt- und 50 Prozent Parkanteil. Ich laufe zum Volkspark Friedrichshain, da gibt es eine Finnenbahn weiter hinten, die ist schön weich. Wenn ich dann zurücklaufe zu meiner Wohnung, geht es ein kleines Stück bergab, entlang der Kollwitzstraße. Da kann ich dann nochmal richtig Gas geben.

Was ist ihr persönliches Ziel für die WM?

Ich muss meine Ziele vielleicht ein bisschen zurückstecken. Das Finale ist für mich das ultimative Ziel. Aber es wird zunehmend unrealistischer, weil ich seit sechs Wochen eine Knochenhautreizung am Schienbein habe. Das ist eine Verletzung, die zwar nicht schlimm ist und die nach der Saison auch relativ schnell ausheilt, die aber sehr schmerzhaft ist. Ich kann nach Läufen teilweise nicht auslaufen gehen, weil es mir so weh tut. Das behindert mich im Training. Ich bin zum Ausgleich jetzt immer Fahrrad gefahren und nur in Wettkämpfen volles Rohr gelaufen. Jetzt muss sich zeigen, ob die Fitness reicht, bei der WM in den Zwischenlauf zu kommen. Ich hoffe schon, dass das einigermaßen klappt. Ich muss sehen, wie weit ich die Schmerzen ertragen kann.

Mehr über Carsten Schlangen auf seiner Internetseite.

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