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Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

“Leichtathletik ist zu Komikerveranstaltung entartet”

Er schaut zwar ganz freundlich, doch wenn es um den Verfall der Leichtathletik geht, wird Gunter Gebauer, Philosophieprofessor an der FU Berlin, ganz ernst.

Er schaut zwar ganz freundlich, doch wenn es um den Verfall der Leichtathletik geht, wird Gunter Gebauer, Philosophieprofessor an der FU Berlin, ganz ernst.

Interview: Johannes Himmelreich

Sie verfolgen die WM am Fernseher und kennen als ehemaliger Weitspringer und Sprinter den Sport seit 50 Jahren. Was fällt Ihnen auf?

Leichtathletik ist nicht irgendein Straßensport; sie hat bisher auch besondere Qualitäten des Verhaltens besessen. Aber das ist in den letzten 20 Jahren etwas anderes geworden – sie ist zu einer richtigen Komikerveranstaltung entartet. Wenn ich mir angucke, wie da die acht 100-Meter Finalisten rumgehampelt sind bei der Vorstellung, da hatte man das Gefühl, man ist irgendwo in einem Showprogramm bei dem es gleich losgeht. Jeder hat so seine eigenen humoristischen Einlagen: Der eine klebt sich seine Startnummer auf den Mund der zweite schneidet eine besonders furchterregende Grimasse, der dritte fuchtelt mit den Armen durch die Gegend. Die Showelemente im Sport und in der Leichtathletik haben ganz erheblich zugenommen und sind bei den Kurzstrecken absolut dominierend.

Das ist vielleicht nur ein bisschen Spaß am Rande und der Wettkampf ist der gleiche geblieben?

Alles in der medialen Vorbereitung wurde auf ein Duell zwischen zwei Männern zugespitzt, wobei nur die Frage offen ist: Wird ein neuer Weltrekord aufgestellt oder nicht? Der gewöhnliche Weltrekord zählt ja inzwischen gar nicht mehr. Es interessieren auch nur ganz wenige Persönlichkeiten, die dann in den Rang von Superhelden oder Superstars erhoben werden. Das sind Elemente, die hat es früher in der Leichtathletik nicht gegeben.

Das folgt einem ganz einfachen Schema, das wir eben kennen. In der Politik haben wir das, da kämpft Merkel gegen Steinmeier, Obama gegen McCain. Wir haben das in der Industrie, Piëch gegen den Wiedeking, wir haben Ackermann gegen den Commerzbank-Chef oder den Finanzminister – je nach dem was da gerade angesagt ist, wir haben den Finanzminister der USA gegen die Wall Street, wir haben Industriekämpfe wie Toyota gegen Volkswagen. Wir haben also überall, wo wir hingucken solche Kämpfe.

Aber gehört der Kampf nicht zum Sport dazu?

Das ist ein Wahrnehmungsschema, das sehr undifferenziert, schwarz-weiß-mäßig angelegt ist und das ein sehr einfaches Weltverständnis verrät. Man kann scheinbar viel in der Welt damit erklären. Es erlaubt aber nicht, die wahren Entwicklungen einzuschätzen und zu sehen, was in der Zukunft auf uns zukommt. Das beste Beispiel ist die Finanzkrise, wo auch eine der Ursachen war, dass man eine getrübte oder teilweise sogar völlig falsche Wirklichkeitswahrnehmung hatte.

Beim 100-Meter-Lauf war es so, dass am Ende nur noch einer übrig blieb und das war der große Weltrekordler. Man hätte sich doch auch vorstellen können, dass hinterher alle zusammen den Sieger feiern, sich beglückwünschen und zusammen sagen würden: Wir haben einen fantastischen Wettkampf gemacht – wie bei den Siebenkämpferinnen. Aber so ist das nicht. Alle anderen existierten nicht mehr, obwohl sechs Läufer unter zehn Sekunden geblieben sind. Der Zweite, mit der drittbesten jemals gelaufenen Zeit, schleicht sich davon wie ein geprügelter Kater. Das ist würdelos und ist Verrat an einem Grundprinzip des Sports: die Achtung des Gegners. Ich denke, dass Sport ohne dieses Prinzip nur eine Keilerei ist.

Das war früher anders?

Der Sport hat mal zeigen wollen, wie eine bessere Gesellschaft aussieht. In der Vergangenheit war das auch der Versuch, zwischen Sportlern etwas herzustellen, was die kalte Welt des Profits und der Moderne nicht hergegeben hat: Eine Welt der Freundschaft, der Achtung, des gegenseitigen Respekts, des Fairplays. Das ist der traditionelle Sport, deswegen hat er auch seine pädagogischen Qualitäten und deswegen wird er an der Schule unterrichtet.

Brauchen wir also auch eine Ethik der Athletik?

Das findet ja nirgendwo statt im Augenblick. Es wird zwar überall versprochen, aktuell ja wieder in der Wirtschaft: Wir hatten das große Jahrzehnt der Businessethik und dann kam der Finanzcrash und man sah, was alles an Gemeinheiten und Undurchsichtigkeiten ausgeheckt worden war. Da verliert man jede Überzeugung, dass eine Ethik in der Wirtschaft noch greifen könnte. Und genauso sehe ich es im Sport.

Aber auch wenn es aussichtslos scheint, bräuchten wir sie?

Naja, es geht schon nur ums Gewinnen, das hat mit moralischen Prinzipien erstmal überhaupt nichts zu tun: Man hilft sich nicht gegenseitig, sondern man besiegt sich gegenseitig, das ist der Hauptgrund. Das wird aber nur erträglich und kann nur dann zu einem guten Miteinander führen, wenn das mit Verantwortung, Hochachtung und Würde geschieht. Wenn das nicht der Fall ist, ist es einfach eine ganz harte, brutale Konkurrenzauseinandersetzung.

Aber ein Sportler alleine erzielt nie ein Ergebnis, er kann ja nicht gegen sich alleine laufen. Den Wert des eigenen Sieges bestimmen die Konkurrenten mit, die diesen Wert besonders hoch machen. Wenn dann einer nur gewinnen will und die Achtung des Gegners nicht mitbringt, dann wird das peinlich.

Oder sehr erfolgreich.

Ja aber peinlich-erfolgreich ist ganz besonders peinlich.

Naja.

Ich finde, dass Usain Bolts Olympiasieg in Peking zum Beispiel ausgesprochen peinlich war, weil das verbunden war mit einer Missachtung seiner Gegner. Der Egoismus wird aber nur aushaltbar im Sport, wenn er nicht auf die Personen zielt, also nicht demütigen will, sondern wenn man am Ende den Gegner achtet.

Das Publikum mag es doch trotzdem.

Ich kenne viele alte Leichtathletik-Freunde, die wollen da nicht mehr Fernsehgucken und drehen der Leichtathletik den Rücken zu. Und Sie haben vielleicht mitgekriegt, dass gestern 50.000 Zuschauer im Olympiastadion waren, da waren noch einige Plätze frei. Wir haben hier den Showdown des Jahres und das Stadion ist nicht mal bis zum letzten Platz gefüllt. Was zeigt uns das?

Sagen Sie’s mir.

Bei einem guten Istaf [Internationales Stadionfest, d.Red.] wie dem letzten hat man schon 60.000 Zuschauer. Das heißt allein im Raum Berlin-Brandenburg gibt es 60.000 Leute, die zu einem sehr guten Leichtathletikwettkampf kommen. Das heißt also, dass es viele Leute vorgezogen haben, nicht ins Olympiastadion zu gehen. Einer von denen bin ich zum Beispiel, weil man diesen Zirkus nicht sehen will, weil das einem unangenehm ist.

Haben diese ganzen Missstände, die Sie ansprechen, auch etwas damit zu tun, dass Leichtathletik in Deutschland so unpopulär geworden ist?

Man muss sich nur vorstellen, wie Eltern zu Mute ist, die sich überlegen, ob sie ihr Kind in einen Leichtathletikverein bringen sollen. Die haben vielleicht Angst, sie liefern ihr Kind an die Nadel. Oder jemand ist total erfolglos – wenn ein deutscher Sprinter mit 10,35 im Zwischenlauf rausfliegt, ist das ein trauriges Schicksal. Man nimmt die Leute ja gar nicht wahr.

Was ist denn noch wirklich sehenswert?

Für Leichtathletik-Kenner sind zum Beispiel die 800-Meterläufe, 1500-, 5000-Meterläufe wahre Leckerbissen, weil man da so viel an Intelligenz, an Renntaktik sehen kann. Da kommt das Schwarz-Weiß-Schema nicht mehr zur Geltung, da muss man hinschauen, da muss man ein bisschen was verstehen von Leichtathletik. Wie sich zum Beispiel die 800-Meterläufer platzieren nach der ersten Runde, ob jemand bremst, ob jemand Tempo macht, wann jemand angreift und auf der Gegengeraden vielleicht schon den Schlusssprint eröffnet. Das ist hoch spannend, was da zu sehen ist und auf diesem hohen Niveau fantastischer Sport.

Für Sie als Philosoph nun eine ganz traditionelle Frage: Was dürfen wir hoffen?

Wir können darauf hoffen, dass von den Sportverbänden und vom Internationalen Olympischen Komitee so etwas wie eine Reflektion darüber veranstaltet wird, wie man diese Entwicklung im Sport wieder in den Griff kriegen kann: Also ein Herunterschrauben der Ansprüche, ein Zurückdrängen des ökonomischen Einflusses, der ja schnell eine Einladung zu Doping ist. Wobei die Chance, dass so eine geistige Einkehr stattfinden könnte, von mir als minimal veranschlagt wird.

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