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Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

Zwischen Hörsaal und Hürdenlauf

Der deutsche Kader scheint wie vom Campus gecastet: Viele der jungen Athleten sind Studenten. Der Alltag zwischen Mensa-Pommes, täglichem Training und Prüfungsdruck ist nicht leicht – doch er lohnt sich.

Von Aline Lutz und Marc Röhlig

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Studenten Spiegelburg, Schwarzer und Stahl: „Wie vom Campus gecastet", Grafik: Marc Röhlig

Linda Stahl hört Sean Paul, “irgendwas, das pusht”. Das braucht sie jetzt – und es zeigt Wirkung: Adrenalin strömt durch ihren Körper. Sie ist angespannt, ist jetzt bereit. In ihren Augen ist die Faszination zu lesen, hier und jetzt in diesem  Stadion zu stehen. Im Berliner Olympiastadion. Zur Leichtathletik-WM im eigenen Land. Beim Finale der Speerwerferinnen. Sie schleudert ihren Speer in den Abendhimmel, bleibt stehen, um den Flug zu verfolgen. Auf der Leinwand im Stadion können tausende Besucher ihr gerötetes Gesicht sehen und wie sie die Anspannung herauspustet. Der Speer bleibt bei 63,23 Metern stecken.

Linda Stahl ist Leistungssportlerin, und sie ist Medizinstudentin. Diese Kombination scheint im aktuellen WM-Kader der deutschen Athleten Trend zu sein: 33 Sportler der 92-köpfigen Mannschaft sind derzeit an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Und das akademische Drittel ist breit aufgestellt. Die Stabhochspringerinnen Anna Battke, Kristina Gadschiew und Silke Spiegelburg: Psychologie, Chemie und Gesundheitsökonomie. Der Hürdensprinter Helge Schwarzer, die Hammerwerferin Betty Heidler oder der Zehnkämpfer Moritz Cleve: BWL, Jura und Journalismus.

„Weder Sportler- noch Studentenwelt“

Für alle Athleten ist der Spagat zwischen Sport und Studium harter Alltag. Vorlesungen müssen geschwänzt und Trainingstermine verschoben werden. Auf das Üben für den nächsten Wettkampf folgt das Lernen für die nächste Prüfung. Sich voll und ganz auf eine Sache zu konzentrieren, ist kaum möglich. „Ich lebe definitiv in zwei Welten“, sagt Anna Battke, „doch weder in der Sportler- noch in der Studentenwelt richtig“.

Die Stabhochspringerin hat ihr letztes Semester „durchstudiert“, trotz Vorbereitung auf die WM. „Ich muss einfach weiter kommen“, sagt die 24-Jährige. Sie ist in Mainz im fünften Semester in Psychologie eingeschrieben. Durchstudieren, das hieß bis zur Weltmeisterschaft in Berlin pro Woche vier Module je zwei Seminare plus Vorlesungen. Und das wird ab nächster Woche, wenn sie aus Berlin heimkehrt, heißen: „Ins Zimmer einschließen und für eine große Ladung Prüfungen lernen“. Das einzige, was schlimmer ist als mündliche Tests, sei der dritte und letzte mögliche Versuch beim Stabhochsprung.

Doch die Doppelbelastung zahlt sich für die studierenden Athleten aus. Silke Spiegelburg erklärt, wie Sport und Studium  zusammen passen – und warum sich beides lohnt:

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Helge Schwarzer hat seinen WM-Auftritt noch vor sich. Der Hamburger Student wird heute Abend um den Einzug ins Finale der 110-Meter-Hürden kämpfen und ist aufgeregt. In seinem Blog rätselt der Hürdensprinter selbst über die Gründe: „Ist es Respekt? Angst? Die lange Saison? Die Öffentlichkeit? Der Druck?“ Er weiß nur, dass viel auf dem Spiel steht – seine erste Weltmeisterschaft. Eigentlich studiert der 23-Jährige BWL an der Universität Hamburg, ein Alltag zwischen Hörsaal und Hürdensprint, doch jetzt hat er sich beurlauben lassen. Der Sport soll an erster Stelle stehen, keine Vorlesungen, keine Seminare, keine Prüfungen.

“Die Zeit, in der ich sportlich erfolgreich sein kann, ist einfach begrenzt”, erklärt Schwarzer. Die Entscheidung für den Sport hat er früh getroffen. Schon in der Schule konnte er nicht mit zur Abifahrt, “weil da Wettkämpfe waren”. Die WM sei nun eines der Highlights seines Lebens, da stehe das Studium einfach an zweiter Stelle.

Wissen, wofür man studiert

Trotzdem wird Helge Schwarzer ab dem Wintersemester wieder studieren, um sich für ein Leben nach dem Leistungssport vorzubereiten. Damit das möglich ist, macht die Uni für ihn Ausnahmen. Er darf in Teilzeit studieren, hat keine Anwesenheitspflicht und kann seine Vorlesungen frei wählen. „Dadurch ist der Druck nicht ganz so groß“, sagt Schwarzer. Er weiß, wofür er studiert. Am liebsten würde er später für einen Sportartikelhersteller arbeiten. Adidas, das wäre sein Traum.

Auch die Speerwerferin Linda Stahl sieht im Studium eine Notwendigkeit. Ihre 63,23 Meter haben ihr den sechsten Platz bei der WM eingebracht. Während des Wettkampfs steht sie im Flutlicht der Scheinwerfer. Ohne Musik aus dem iPod, dafür mit Fangeschrei im Olympiastadion. Solche emotionalen Momente bietet die Uni ihr nicht. Aber anders als für Teamkollege Helge Schwarzer steht für Linda Stahl das Studium trotzdem „ganz klar an erster Stelle“. Sie träumt zwar von Medaillen, verfolgt aber noch ein ganz anderes Ziel: „Ich werde auf jeden Fall Ärztin.“ Und das sei jede Mühe wert.

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