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Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

Die Fernsehmeisterschaften

Die Sätze von (Fernseh-) Sportreportern sind häufig schon Legende: “Jetzt wechselt er auch noch den Torwart aus”, entsetzte sich beispielsweise Gerd Rubenbauer mal bei einem Fußballspiel, als der FIFA-Beobachter am Spielfeldrand eine Tafel mit einer “1″ hochhielt. Grund genug also, heute mal den Sportreportern bei der Leichtatlehik-WM genau zuzuhören…

Von Christian Jakubetz

21.18 Uhr: Und damit zurück in die angeschlossenen Funkhäuser.

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21.17 Uhr: Redaktionskonferenz. Lege mir vor meinem geistigen Auge mein frischerworbenes Repertoire zurecht. Werde den Kollegen sagen, dass wir heute abend noch Millimeterarbeit leisten müssen. Dass wir Kampfgeist zeigen und lockerer werden müssen. Werde Beiträge mit strengem Blick abnehmen und sagen, dass sich hier die Geister scheiden, wenn man das mal mit den Augen des Experten sieht.

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21.09 Uhr: Den hat Ariane mit dem Schnürsenkel gerissen. War quasi — ja genau, Millimeterarbeit.

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21.07 Uhr: Lustigster Sprung des Tages: Mit Volldampf gegen die Latte. Jetzt also nochmal Ariane Friedrich. Es müsste jetzt alles passen, weil es Millimeterarbeit ist, sagt Poschi. LORIOT,WO BIST DU??

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20.58 Uhr: Ariane Friedrich fordert Ruhe bei ihrem Sprung. Sogar Poschi flüstert jetzt deswegen. Nutzt aber nix, gerissen. Noch zwei Versuche.

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20.52 Uhr: ER gibt ein Interview. Huch, was ist das denn???? ER schwitzt!! Doch nicht so entspannt, oder wie?

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20.49 Uhr: Sie schafft die 2,02 Meter. Poschi I: Sie braucht Ruhe im Stadion. Poschi II: Das zeugt von Kampfgeist. Wo ist eigentlich Loriot, wenn man ihn mal braucht? “Du hast ne Medaille, ab jetzt wird gekämpft”, brüllt ihr der Trainer entgegen. Poschmann hat das schon vorher geahnt, dass man jetzt kämpfen sollte. Kampfgeist hat sie ja. Wenn es jetzt denn noch ruhig wäre im Stadion.

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20.45 Uhr: Frauenhochsprung, die Kamera ist wieder auf dem Trainer von Ariane Friedrich. Der schaut unzufrieden, was dran liegen könnte, dass sein Schützling gerade die Latte bei 2,02 wieder gerissen hat. “Da passt nicht viel dazwischen”, sagt Poschi. Stimmt.

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20.39 Uhr: Poschi nennt ihn “Witz-Bolt”. Ich dreh mal eben für fünf Minuten den Ton ab. Sonst nennt er ihn womöglich noch “Ko-Bolt”, “Scherz-Bolt” oder “Witwe Bolt.” Oh my god.

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20.36 Uhr: Ich halt mal eben die Klappe. 19,19. Unfassbar.

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20.35 Uhr: Fehlstart. Muss ein Deutscher gewesen sein, die sind immer so verkrampft. Ach nee, halt, ist ja gar keiner dabei.

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20.33 Uhr: Bolt macht ein paar Faxen vor dem Start. Liegt vermutlich daran, dass er kein Deutscher und deshalb irgendwie locker ist. Frage mich zwischendrin, wer wohl Silber holt.

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Heute vorm TV statt im Stadion. Unterhaltungsfaktor: hoch.

20.23 Uhr: ER betritt das Stadion. Ach was, er schlendert. Plauscht dabei mit einem unmittelbaren Konkurrenten. Poschi sagt, man sehe jetzt hier den Unterschied zwischen einem deutschen Atlethen und Bolt. Ich schaue mir Bolt an und stimme Poschmann zu. Sieht man wirklich. Ist aber nicht so einfach, wie ich mir das dachte. Nicht nur, dass Bolt aus Jamaika kommt und die Deutschen aus Deutschland, erklärt er — nein, er ist auch noch so locker. So entspannt. Das würde den Deutschen irgendwie fehlen, diese Lockerheit. Hmm. Mag sein. Aber wenn ich so schnell wäre wie Usain Bolt, würde ich auch locker schlendern, obwohl ich Deutscher bin. Egal jetzt. Bolt wird das Stadion rocken, sagt Poschi. Um das zu wissen, müsste man vermutlich auch Experte sein.

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20.22 Uhr: Der Trainer von Ariane Friedrich sagt was zu ihr. Der ZDF-Kameramann hält drauf, man versteht aber nichts. Worauf wir via Kommentar erfahren, man habe jetzt nicht alles verstanden. Macht aber nix, direkt danach springt eine Schwedin mit ulkigem Haarkranz. Sie reißt die Latte, Poschi weiß: Für einen echten Experten war das jetzt kein Wunder. In mir brennt der Neid. Möchte auch mal Experte sein.

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20.20 Uhr: “An dieser Höhe scheiden sich die Geister” – an solchen Sätzen auch.

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20.16 Uhr: Oh. Das ZDF hat den Splitscreen entdeckt. Da steht jetzt drin, was Poschi so sagt. Für den Fall beispielsweise, dass er zu schnell redet oder so. Also, das geht dann so: Poschi sagt, die Läuferin X sei bestimmt große Favoritin. Und im Splitscreen steht: X ist Favoritin.

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20.09 Uhr: Ein zehnkämpfender Schwede wirft persönliche Bestleistung beim Speerwerfen. Laut Poschi lacht jetzt sein Herz. Wusste ich doch, warum ich das Abendessen früher abgebrochen habe.

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18.51 Uhr: Erster Einspieler. Es geht um Bolt und man hätte es kaum erwartet: Man unterlegt den Beitrag mit Reggae-Sound. Und man glaubt, so säuselt eine Frauenstimme, Bolt könne auch die 200 Meter gewinnen.  Muss an Loriot denken, der sagte in solchen Momenten immer: Ach was. Jetzt kommt wieder Poschi.


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18.48 Uhr: Die Latte nähert sich der Fünf-Meter-Marke. Sagt Poschi.

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18.40 Uhr: Das ZDF erklärt uns anlässlich der 800-Meter-Siegerehrung den Unterschied zwischen Mann und Frau.  Und dass wohl schon öfter Frauen gewonnen haben, die eigentlich Männer sind. Oder so. Poschmann sagt, Caster Semenya sei eine umstrittene Siegerin, weil sie ja auch ein Sieger sein könnte. Das kann man so sehen. Warum es “Monate” dauern soll, bis feststeht, ob sie eine Frau oder er ein Mann oder weiß der Teufel was ist, leuchtet mir nicht sofort ein. Aber ich verstehe da auch nicht so viel von. Beschließe allerdings, mir künftig meine Mitmenschen genauer anzusehen. Was weiß man schon.

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18.32 Uhr: Poschmann greift zum ersten Fremdwort, einen deutschen Stabhochspringer bezeichnet er als “ofoot teriebel”. Klingt wie Heuschnupfen.

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18.27 Uhr: Eingeschaltet. ZDF läuft, die Stimme klingt nach Poschi Poschmann. Von dem heißt es allgemein in der Szene, er habe von Leichtatlethik viel und von Fußball ungefähr gar keine Ahnung. Soll aber bei jeder Gelegenheit gleich viel reden. Erster Eindruck nach zwei Minuten: stimmt.

3 Comments

  1. Jakubetz schaut TV. Ha, feine Blogidee…

  2. So ist Fernsehen doch noch erträglich – und irgendwie (unfreiwillig?) komisch.

  3. sehr lustig bei euch, weiter so – mein Favorit ist übrigens 20.39Uhr Poschi

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