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Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

Laufen gegen den unsichtbaren Gegner

Von Désirée Therre

Vier bis sechs Mal pro Woche trainiert Daniel Schnelting für die 4×100 Meterstaffel. Mit beträchtlichem Erfolg – er hat es in den deutschen WM-Kader geschafft. Was auf den ersten Blick gar nicht mal so aufregend klingt, wird dann doch erstaunlich wenn man weiß, dass Schnelting mit einer Krankheit lebt: Er ist Diabetiker.

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Daniel Schnelting ist zweifacher Deutscher Meister-trotz Diabetes Bild:Daniel Schnelting

Der 23-Jährige kennt es nicht anders: Schon als Kleinkind stellten die Ärzte bei ihm Diabetes fest.  Die Krankheit konnte ihn aber nicht davon abhalten, Spitzensportler zu werden. Bei der WM in Berlin ist er mit im 4×100-Meter-Staffelläufer-Team dabei. Die körperliche Höchstleistung kann er nur mit viel  Organisation schaffen. Das heißt für Daniel Schnelting, vor dem Wettkampf 15 Mal den Blutzuckerspiegel zu messen, den Tag und die Mahlzeiten genau durchzuplanen. Seine Krankheit ist für ihn aber kein Hindernis, als Sprinter der Deutschen Nationalmannschaft zu laufen. Seitdem er vier ist, musste er lernen damit umzugehen. „Die Diabetes gehört dazu. Wie andere Zähne putzen, messe ich meinen Blutzucker“, so Schnelting.

Einschränkungen gehören aber dazu. Denn Sportler, die regelmäßig Medikamente einnehmen müssen, sind verpflichtet dies beim Deutschen Leichtathletikverband anzugeben. Auch Insulin, das Daniel Schnelting sich spritzen muss, steht seit 1999 auf der Liste der verbotenen Substanzen der WADA. Dafür hat er eine Ausnahmegenehmigung.

Im Spitzensport ist Daniel Schnelting eine Ausnahme — Diabetes mittlerweile jedoch eine Volkskrankheit. Rund sechs Millionen in Deutschland haben die Krankheit. Bei vier bis acht Prozent tritt die sogenannte Jugenddiabetes auf. Das heißt, dass kein Insulin mehr produziert wird.  Diabetes II ist eng mit Übergewicht verknüpft. Insulin wird in diesem Fall zwar gebildet, der Körper kann es jedoch nicht verwenden, so dass auch in diesem Fall Insulin gespritzt werden muss.

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Die Grafik zeigt die Nahrungsaufnahme eines gesunden Körpers, mit Typ-1-Diabetes (Jugenddiabetes) und Typ-2-Diabetes (Altersdiabetes).

Frank Busemann, früher Mehrkämpfer und Hürdenläufer, will deswegen wieder Bewegung in die Gesellschaft bringen. „Ich glaube, dass es für jeden die richtige Bewegungsform gibt – auch für Diabetiker. Wenn sie auf sich aufpassen, sind sie extrem leistungsfähig.“ Das versucht er als Leiter des Deutschen Zentrums für Präventivmedizin in Damp an der Ostsee den Patienten zu zeigen. Denn Muskelaktivität kann vor allem auch helfen, den Blutzuckerspiegel zu senken und verhindern, dass es  zur „Wohlstandsdiabetes“ kommt.

Dass die Krankheit nicht daran hindert Sport zu machen, zeigen heute 30 Diabetiker beim Champions-Run. Unter den Linden starten sie in leuchtend-grünen T-Shirts bei dem Volkslauf, um die Marathonstrecke abzulaufen. Organisiert hat das Ulrike Thurm, Vorsitzende der IDAA (International Diabetic Athletes Association). Sie ist selbst Diabetikerin.“ Wir wollen damit motivieren, Ängste nehmen und zeigen, dass man auch mit Diabetes zehn Kilometer laufen kann“, so Thurm, die selbst Marathon läuft. Gut organisiert sei das kein Problem: Die Insulinpumpe versorgt den Körper rund um die Uhr mit Insulin. Über eine kleine Nadel im Bauch kann das Hormon in den Körper gelangen. Dieser Apparat funktioniert wie eine gesunde Bauchspeicheldrüse. Thurm hofft bei diesem Lauf, dass Iron-Man-Thriathlethen und Neulinge ins Gespräch kommen. Der Austausch von diabetischen Sportlern ist wichtig“.

In Watte gepackt werden will Daniel Schnelting wegen seiner Zuckerkrankheit jedenfalls nicht. Der Spaß am Sport ist ihm jede Mühe wert. Häufige Kontrollen und ein Notfallpaket mit Schokoriegeln und Bananen geben ihm ein gutes Gefühl. Auch in der Wettkampfsituation, wenn Adrenalin und Stress nicht planbar sind.

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