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Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

Eine Ehrung für die Courage

Von Silke Hans und Niklas Schenck

Es war ein großes Dilemma. Die Funktionäre, der Staat, das „Heimatland“ verlangten, dass Dopingmittel eingesetzt werden, dass Siege eingefahren werden. Gleichzeitig hat der Trainer die Verantwortung für seine oftmals jungen Sportler und Sportlerinnen. Viele Trainer in der ehemaligen DDR  haben ihren Athleten ohne deren Wissen Dopingmittel gegeben oder zumindest nicht verhindert, dass ihnen Dopingmittel gegeben wurden.

Viele dieser Sportler leiden heute an starken Folgeschäden. Ein extremer Fall ist Andreas Krieger. Als Heidi Krieger gewann er für die DDR Medaillen im Kugelstoßen. Schon mit 17 Jahren bekam sie doppelt so viele Dopingmittel, wie der Kanadier Ben Johnson bei seinem Olympiasieg 1988 in Seoul. Heidi Krieger unterzog sich 1997 einer Geschlechtsumwandlung.

Der Doping-Opfer-Hilfe-Verein vergibt alle zwei Jahre einen Preis für engagiertes Wirken gegen Doping, der seinen alten Namen trägt: Die Heidi-Krieger-Medaille.

Andreas Krieger erklärt, warum er stolz auf diesen Preis ist:

Krieger heute

Andreas Krieger heute

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Zu den diesjährigen Preisträgern gehören der ehemalige DDR-Langlauftrainer Henner Misersky, der ehemalige Kugelstoßtrainer Hansjörg Kofink, der ehemalige Sportfunktionär Horst Klehr und die ehemalige Rudertrainerin Johanna Sperling.

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Johanna Sperling

Johanna Sperling ist 76 Jahre alt. Die große schlanke Frau bewegt sich unsicher, als sie ihre Urkunde bekommt. Lange Zeit hatte sie überlegt, ob sie die Auszeichnung überhaupt annehmen soll. Sie habe ja nichts Großartiges gemacht. Sie sei nur eine kleine Trainerin gewesen. Am Ende entschied sie sich dafür.

Der Grund, warum Johanna Sperling den Preis bekommt, ist ein Brief, den sie an ihre Schützlinge schrieb, die sie liebevoll „Sperlinge“ nannte. Mit blauer Tinte in einer ordentlichen Handschrift verfasste sie folgende Zeilen:

„Noch eins: Ich bitte euch ganz ernsthaft, kein, aber auch kein einziges Mittelchen zu schlucken, das eure Leistung angeblich steigert; und wenn es als noch so harmlos, als vollkommen unschädlich, aber wunderwirkend euch gepriesen wird; auch wenn man euch sagt, dass ihr dann die Einzigen seid, die nichts zu sich nehmen, bitte weist es zurück. Seid stolz darauf und denkt an die kommenden Wettkampfjahre und denkt an eure Gesundheit. An der eigenen Willensstärke erleidet ihr keinen Schaden, und davon habt ihr genügend zur Verfügung. Ich kann euch Beispiele nennen, welche Auswirkungen solche Mittel der Wettkampfvorbereitung hatten – jetzt würde das zu weit führen, glaubt mir nur so viel, dass es nie gut ist. Und wenn es nur das Schamgefühl wäre, das sich eurer nach einem erfolgreichen Rennen bemächtigen würde – ihr könntet euch nicht ehrlich eines Sieges freuen. Erspart es euch und geht mit gutem Gewissen an den Start, die Nationalhymne klingt dann um so erhebender.

Ich hoffe, dass ich euch im Fernsehen wieder sehe…Nach unserer Losung: ‘Wer wagt gewinnt’ nehmt den Riemen fest in die Hand – und wenn der Magen vorher noch so protestiert – damit ihr im Ziel nichts bereuen braucht.

Ich wünsche euch Riemen- und Dollenbruch und hohen Wellengang!

Eure Johanna“

Als der Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfe Vereins, Klaus Zöllig, Johanna Sperling den Preis überreicht, ist Andreas Krieger sichtlich ergriffen. Der große Mann bricht in Tränen aus. Minuten lang sitzt er regungslos in der Bank im Hörsaal sechs der Charité Berlin und weint.

Er erzählt, wie er sich fühlte:

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Andreas Krieger bei der Verleihung der Heidi-Krieger-Medaille

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Andreas Krieger will nicht, dass Athleten heute das selbe Schicksal erleiden, wie er. Er will aufklären über die Risiken des Dopings, die gesundheitlichen Schäden die dadurch entstehen können und dass diese Nebenwirkungen die Sportler ihr Leben lang begleiten. Es ärgert ihn, dass auch heute noch die Athleten mit Dopingmiteln zu Höchstleistungen gebracht werden. Trainer, die schon zu DDR-Zeiten nachweislich ihren Sportlern Doping verabreicht haben, dürfen heute noch in ihrem Beruf  arbeiten. Dagegen mussten Trainer, die sich aktiv gegen Doping engagiert hatten, ihren Trainerjob aufgeben. Dopingopfer, die ihre Geschichte nach außen tragen, werden angefeindet. Das Beispiel Robert Harting, der sich lautstark über eine Brillenaktion des Doping-Opfer-Hilfe Vereins aufgeregt hatte, zeigt dies. Das alles sind Dinge, die Andreas Krieger nicht aktzeptiert. Er will nicht, dass Doping totgeschwiegen wird und Verbände und Organisationen die Augen davor verschließen.  Deshalb engagiert er sich im Doping-Opfer-Hilfe-Verein für die Dopingofer und gegen den Medikamentenmissbrauch im Sport.

Anderas Krieger über sein Engagement:

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Heidi Krieger bei einem Wettkampf für die DDR

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Anderas Krieger hätte gerne, dass es irgendwann einen dopingfreien Sport gibt. Aber er ist sich auch im Klaren, dass er das selbst wahrscheinlich nicht mehr erleben wird. Trotzdem werden er und der Doping-Opfer-Hilfe-Verein sich weiter Aktionen einfallen lassen, um auf Doping aufmerksam zu machen. Und in zwei Jahren werden sie neue Menschen finden, die sich im Kampf gegen Doping ausgezeichnet haben.

1 Comment

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