mehralslaufen
Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

Bierhelm, Flaggentoga & Co.

Fan ist nicht gleich Fan. Der eine deckt sich mit Fast Food ein, der andere mimt den Ersatzschiri. Eine nicht ganz ernste Typologie.

Texte und Grafiken von Marc Röhlig

Gourmet Kopie

Der Gourmet

Zu finden: auf dem heimischen Sofa vorm Plasmafernseher

Immer mit dabei: Chips, Schoki und klebrige Süßgetränke

Sein Lieblingssatz: „Gibt’s noch welche von den Muffins?“

Der Gourmet ist ein Fan von Gemütlichkeit – und Abenteuer. Klar, sich selbst den Adrenalin-Kick verpassen, das wäre dem Gourmet zu viel. Aber dabei zuschauen, wie andere Schuften und Schwitzen kann er gut. Deshalb schaut er sich gerne rasanten Sport an: Formel 1, Bundesliga oder Sprintduelle im Stadion. Hauptsache, Cola und Salzstangen sind in Griffweite, sobald die Live-Übertragung beginnt. Der Gourmet plant sein Sportgucken akribisch. In das Sofa wurde in jahrevoller Sitzarbeit eine Kuhle geformt; links und rechts daneben türmen sich die Leckereien für mehrere Stunden fröhliches Mitjubeln. Als Meister der Küche hat der Gourmet auch meistens ein Leckerli zum Spielbeginn vorbereitet: Hot Dogs oder Tiefkühlpizza, Bulettenbrötchen oder Backblechpommes. Jubeln will der Gourmet nicht mehr, sollen doch andere wie die Affen rumtoben. Lieber gibt er einen klugen Kommentar zum Sport im Allgemeinen preis; so Laufen mache ja auf Dauer auch die Gelenke kaputt.Partymaus Kopie

Die Partymaus

Zu finden: auf der Fanmeile und den Schultern eines kräftigen Freundes

Immer mit dabei: Knappe Kleidung, Farbe zum Ins-Gesicht-Schmieren

Ihr Lieblingssatz: „Ist doch egal, wer gewinnt – Hauptsache, wir haben alle Spaß“

Die Partymaus hat sich eigentlich lange nicht für Sport interessiert. Und ehrlich, auch heute noch geht ihr das ewige Fachsimpeln der Männer um Streckenrekorde, Doping-Versuche oder Transferdeals mächtig auf die Nerven. Aber seit 2006 die Fußball-WM in Deutschland stattfand, geht sie ganz gerne zu Sportevents. Fan würde sie sich nicht nennen. Nur bei Großveranstaltungen – und dann kichert sie. Ist so eine Großveranstaltung in Reichweite, beginnt die Partymaus schon nach dem Aufstehen damit, ihr Outfit zu definieren: Bauchfrei? Klar. Shorts mit den Nationalfarben? Sicher. Dazu bunte Blumen ins Haar? Ja, ein Herzchen auf der Wange wäre aber auch okay. So ausgerüstet, macht sich die Partymaus auf in die Public Viewing Areas des Landes. Ihr größter Traum: Sich am nächsten Tag auf dem Titelbild einer überregionalen Zeitung zu sehen.

Karnevalist KopieDer Karnevalist

Zu finden: im Stadion

Immer mit dabei: genügend Bier

Sein Lieblingssatz: „Olé Olé, Olé Olé!!“

Der Karnevalist führt  ein ruhiges Leben zwischen Bürojob und Bausparvertrag. Den einzigen legitimierten Exzess kann er sich daher erlauben, wenn er sich verkleidet und bunt anmalt. Das geht zu Karneval gut – das geht als Sportfan noch besser. In seine Kostüme steckt der Karnevalist daher viel Liebe und Arbeit. Schon Monate vor dem Event überlegt er sich, was er tragen könnte. Ausgefallene Hüte sind ein Muss, Bodypainting eigentlich auch. Darüber hinaus spielt er mit Ikonen seines Heimatlandes; verkleidet sich als Wappentier, Superheld oder regionale Delikatesse. Apropos Delikatesse: Ähnlich wie der Gourmet legt auch der Karnevalist viel Wert auf eine solide Grundversorgung an Zucker und Fett. Eines seiner Lieblingsstücke ist daher der Bierhelm. Mit dem kann er lustig aussehen und sich zugleich bei Laune halten. Wenn dann noch die Stadionkamera ihn und seine Verkleidung in den Stadionrängen entdeckt, dann ist die Welt in Ordnung.Nörgler Kopie

Der Nörgler

Zu finden: Im Stadion hinter der Trainerbank oder in seiner Stammkneipe

Immer mit dabei: Pulsmesser für den linken Arm, Trillerpfeife für den rechten

Sein Lieblingssatz: „Verdammte Scheiße, wie blind kann man sein!?!“

Der Nörgler lebt gefährlich. Sport ist für ihn kein Vergnügen – es ist purer Ernst. Wenn einer der unwissenden Schiedsrichter wieder einmal eine Fehlentscheidung trifft, oder wenn seine Sportleridole nicht das machen, was er sich erhofft – dann explodiert dem Nörgler schon mal der Blutdruck. Er ist der noch lebende Beweis dafür, dass bei internationalen Sportevents überproportional viele Männer an Herzinfarkt sterben. Einsehen würde das der Nörgler natürlich nicht. Vor einem Wettkampf hat er sich ausführlich über die Leistung der Teilnehmer informiert; er kennt die Lebensläufe der Trainer auswendig und er hat jede Menge Statistiken im Kopf. Derart mit Wissen beladen, macht sich der Nörgler entweder auf in seine Eckkneipe oder direkt ins Stadion – Hauptsache, er hat Publikum, das seine Meinung aufgebrüllt bekommt.

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