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Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

Das Problem heißt “Leichtathletik-WM”

Man kann schon verstehen, dass es abgehen soll heute und in den kommenden Tagen. Soll – so wollen es Veranstalter, Sponsoren und Gastgeber. Das größte Problem, dem sie dabei gegenüberstehen, heißt aber: Leichtathletik-WM.

Von Johannes Himmelreich

olympiastadion

Der Albtraum der Organisatoren: Fans, die draußen bleiben, Foto: Marc Röhlig

Problem Teil Eins: “Leichtathletik”

Das hat zwei Gründe, erstens liegt es am Wort “Leichtathletik” in Leichtathletik-Weltmeisterschaft.

Bei den Gehwettkämpfen unter den Linden gibt es keine Lücken, auch nicht bei Spitzenwettkämpfen wie den 100-Meter-Sprintern, da ist das Olympiastadion ausverkauft. Doch bei Vor- oder Hindernisläufen am Vormittag springt die Leere der Schalensitze rund um das Blau der Rennbahn ins Auge. Das hat natürlich – wie vieles – viele Gründe: Mangelnde Helden-Ausstattung der Teilnehmer, fragmentierte Disziplinen und langwierige Stadionbelegung über Tage und Wochen. Das ist wahrscheinlich alles genauso richtig wie es akademisch ist. Auf den Straßen von Berlin findet sich eine Erklärung, die weitaus weniger komplex ist: Viele finden Leichtathletik einfach langweilig.

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Eine Veranstaltung für sportliches Fachpublikum

Die Langeweile steht im Gegensatz zur Geschichte der Leichtathletik und ihrer Disziplinen. Ihre Wurzeln verlaufen entlang der Wurzeln unserer Kultur: von Ursprüngen in Griechenland bis zu politischen Instrumentalisierungen im vergangenen Jahrhundert. Doch das ist dem Konsumenten des Sportprogramms offenbar nicht so wichtig. Was zählt ist Unterhaltung und das ist Leichtathletik nicht, irgendwie scheitert sie an Bedingungen und Bedürfnissen der Pop-Kultur – für die Kultur-Essayisten und Feuilletonisten des Landes gibt es damit Anlass kulturkritisch zu werden.

Es gibt jedoch eine Ausnahme: Es zählt nicht nur Unterhaltung in der Pop-Kultur, es zählt auch – und hier punktet die Leichtathletik  – eigene Betroffenheit. Wer sich auf die Straßen Berlins stellt und WM-Touristen befragt, dem begegnet als wiederkehrendes Thema die Geschichte der Zuschauer, die selbst Leichtathleten sind. So wird aus einer Weltmeisterschaft eine Veranstaltung für sportliches Fachpublikum.

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Denn wenn Disziplinen wie Hammerwerfen und Gehen im Breitensport immer weniger populär werden, verliert die WM immer mehr Zuschauer. Jeder Speerwerfer weniger bedeutet auch weniger Zuschauer beim Speerwerfen.

Problem Teil Zwei: “Weltmeisterschaft”

Zweitens macht das Wort “Weltmeisterschaft” in Leichtathletik-Weltmeisterschaft der Veranstaltung und den Veranstaltern Probleme. Drei Jahre nach der nationalen Großinszenierung Großveranstaltung der Fifa muss sich (momentan zumindest) jede WM einem Vergleich mit der WM stellen.

Wer die Fußball-WM in Berlin erlebt hat, der weiß: Das ist erstmal nicht zu toppen. Selbst eine exakte Wiederholung wäre keine Wiederherstellung der Ereignisse und Erlebnisse, die beste Organisation könnte keine Event-Zeitmaschine bauen.

Fotogalerie: “Eine Stadt und ihr Event” von Marc Röhlig. Zum Vergrößern auf die Bilder klicken.

Keiner wird zur Leichtathetik-WM in der Erwartung anreisen, die Stadt in einem ähnlichen märchenhaften Freudentaumel zu erleben. Die Erwartungen gegenüber WMs haben sich verändert, es gibt heute andere Standards, was das Sportbusiness der Großveranstaltungen leisten soll. Seit die Fußball-WM zum Mythos (gemacht) wurde, können die Leichtathleten den WM-Wettlauf nur verlieren. Das ist nicht unbedingt die Schuld der Organisatoren, denn Begeisterung gibt es nicht auf Bestellung.

Wer weiß, vielleicht wäre vor 2006 eine Weltmeisterschaft (die auch noch im Schatten der Olympischen Spiele von Peking steht) mit jubelnden öffentlichen Auszeichnungen wie “gut organisiert”, “tolle Atmosphäre” und “Riesenerlebnis” bedacht worden. So einfach ist das nach der WM 2006 nicht mehr. Bescheidenheit hinsichtlich unserer Erwartungen an Sportereignisse pflegen wir nicht mehr.

Noch eine extra Hürde: Berliner Essen

Bevor es jedoch auch hier zu kulturkritisch wird, sollten wir zurück auf die Straße, wo die Menschen sind, die (manchmal meistens) wissen was sie tun und warum – weshalb sie beispielsweise zur WM gehen oder nicht. Dort auf den Straßen und Plätzen Berlins stehen auch sehr viele Imbissbuden. In einer steht Anton, mit einer eigenen Theorie, weshalb man im Stadtbild Berlin selten Sportler sieht.

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