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Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

Alles für diesen Moment

"The lone runner", 2005 (Fotograf: Laci Perenyi) / mit freundlicher Genehmigung "InMotion"

"The lone runner", 2005 (Fotograf: Laci Perenyi, mit freundlicher Genehmigung von "InMotion")

Frank Hörmann ist Fotograf bei der Agentur Sven Simon. Als kleines Unternehmen im Fotogeschäft spezialisierte sich die Agentur früh auf „das besondere Bild“ – bekannt ist unter anderem das „Sportfoto des Jahrhunderts: Der Fußballer Uwe Seeler, der nach der Niederlage in Wembley 1966 mit gesenktem Haupt das Spielfeld verlässt, eingerahmt von Funktionären, fotografiert vom Namensgeber „Sven Simon“ selbst (Pseudonym von Axel Springer Jr.). Auch Hörmann, der bei etlichen Leichtathletik-Weltmeisterschaften fotografiert hat, hofft immer auf die richtigen Momente.

Interview: Niklas Schenck
Herr Hörmann, freuen Sie sich als Fotograf noch auf eine Weltmeisterschaft?

Um ehrlich zu sein, ich bin zwiespältig. Man ist hier in seiner Bewegungsfreiheit so stark eingeschränkt, dass man eigentlich nur Standardbilder schießen kann, solange man keine der umkämpften Innenraumakkreditierungen bekommt. Früher habe ich oft tagelang die Wettkampflisten vorher studiert, richtig mitgefiebert: Wann kommen die Deutschen dran, wer hat wie gute Chancen. Inzwischen ist vieles Routine.

“Es gibt immer nur einen Moment, der gut ist”

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Kollabierte 800-Meter-Läuferin und Fotograf (Foto: Niklas Schenck)

Hat die Aufgabe, starke Momente festzuhalten, an Wert verloren?

Ohne Jammern zu wollen – aber wir sind als Fotografen heute nur noch geduldet, schließlich bezahlen wir kein Geld für Übertragunsrechte. Das Fernsehen dominiert daher alles, belegt die besten Plätze und ist auch für die Sportler alles entscheidend. Früher konnte man auch mal zu jemandem nach Hause gehen, heute reden die Athleten kaum noch mit uns. Der Anreiz, mit einem Bild in der Zeitung aufzutauchen, ist einfach nicht mehr attraktiv genug.Trotzdem glaube ich an die Fotografie: Es gibt immer nur einen Moment, der gut ist, und Fernsehen kann nicht ersetzen, was mir Fotos erzählen können.

Hängen Sie an Ihren Fotos?

Fast nicht. Ich schaue wenige Bilder noch einmal an, hänge mir auch keine auf. Wenn ich den richtigen Moment getroffen habe, freue ich mich sehr, aber dann lege ich das ab und gehe weiter. Mir gefallen alte Fotos viel besser. Keine Kamera, keine Werbebande, nichts störte, und die Leute kamen so nah an die Sportler heran. Das Uwe-Seeler-Foto könnte man heute nicht mehr machen, damals störte gar nichts.

Wie schaffen Sie es, als kleine Agentur mit zwei Fotografen gegen die Konkurrenz hier in Berlin zu bestehen?

Wenn wir aktuell arbeiten würden, hätten wir hier zu zweit einen schweren Stand. Wir müssten faktisch von der Ziellinie arbeiten, mit Laptop und Funkverbindung oder LAN. Die Großen haben riesige Manpower und zig Remotecameras, und wenn sie ihre Speicherkarten in den Rechner stecken, kann ihr Redakteur sofort drauf zugreifen. In Berlin hätten wir noch mehr Pech mit Aktualität, weil uns die Zeitverschiebung nicht in die Hände spielen könnte wie etwa 2007 in Osaka. Da hatte man wenigstens ein paar Stunden Zeit.

Wie hektisch geht es im Stadion zu?

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Hammerwurf-Weltmeister Primoz Kozmus aus Slowenien, bedrängt von Fotografen (Foto: Niklas Schenck)

Die Plätze werden zum Teil vorher schon reserviert, vor dem 100-Meter-Finale ist alles abgeklebt, das ist Wahnsinn. Es gilt die Devise „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“, und das nimmt Ausmaße an, die ich mir nicht mehr antun will. Dieser Konkurrenzkampf legt sich aber bald, denn die Anspannung steigt bis zum 100-Meter-Finale ins Unermessliche, aber danach beruhigt sich alles.

Ihre ästhetischen Ansprüche sind sehr hoch. Sehen Sie die professionelle Sportfotografie bedroht von halbprofessionellen Fotografen mit Profimaterial?

Dieser Trend der Bildreporter, der anderswo vorherrscht, greift im Sport nur begrenzt um sich. Bei Fußballspielen begegnet man solchen Leuten recht häufig, die knipsen dann oft hunderte Bilder, statt auf den einen guten Moment zu warten, oder sie wählen viel zu weite Ausschnitte. Trotzdem wird unser Geschäft natürlich immer schwieriger, weil es mehr Konkurrenz gibt und weil aufgrund der schon gar nicht mehr so neuen Kommunikationsmittel jeder seine Bilder jedem Medium anbieten kann. Da haben wir es schwer gegen die großen Bildagenturen. Wenn wir nicht einen riesigen Bildbestand früherer Bilder hätten, müssten wir uns finanziell sicher Sorgen machen.

Trauern Sie denn der analogen Fotografie nach?

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Privileg Innenraumakkreditierung: Frank Hörmann im Einsatz (Foto: Sven Simon, mit freundl. Genehmigung)

Das nun wieder nicht. Die Digitalisierung hat mir nämlich vor allem eines verschafft: mehr Freizeit. Früher kam man von einem Länderspiel nach Hause und musste gleich von jedem Bild hunderte von Abzügen machen, die beschriften und dann in unserem Fall an Redaktionen von Augsburg bis Nürnberg ausfahren. Das klingt heute absurd. Außerdem sparen wir natürlich enorm, weil wir weniger Lager-Räumlichkeiten brauchen, keine Laboranten, kein Papier, keine Chemikalien. An unserer wesentlichen Aufgabe hat sich trotzdem nichts verändert: Es gilt, Emotionen einzufangen. Das ist das wichtigste. Seit zwei, drei Jahren ist die Qualität der digitalen Kameras so hoch, dass es auch richtig Spaß macht. Die erste digitale Kamera, die ich als Profi gekauft habe, hat 30.000 Euro gekostet – und war nach heutigem Standard sau schlecht.

Wie schnell Fotografen heute arbeiten, beweist auch das Fotobuch, das die Agentur Sven Simon in Zusammenarbeit mit dem Copress-Verlag und dem Sportinformationsdienst nur fünf Tage nach der WM herausbringt.

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