mehralslaufen
Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

Joggen, um zu bloggen

Kopie von DSC_0930

Hier mein Geständnis. Ich bin heute morgen nur in den Tiergarten gerannt, um jetzt darüber zu schreiben. Der Lauf als kreative Inspiration, irgendwas würde mir schon begegnen, schließlich ist Leichathletik-Weltmeisterschaft – was sollte da besser funktionieren als Joggen, und sei es nur, weil das stete Auf und Ab mein Hirn in Wallung bringt. Als ich den dritten WM-Funktionär passiere, mit seinem Bändchen um den Hals und der eingeschweißten Karte, fühle ich mich endgültig fehl am Platz, gestraft mit Verachtung, so kommt es mir zumindest vor. Ein Hobbyläufer, zumal ohne Akkreditierung und damit eigentlich namenlos, ohne Identität, ein gesichtsloser Taugenichts sogar hier im Tiergarten, wo der Zugang nicht wie im Olympiastadion kontrolliert wird. Und die Sportler erst. Als mich der vierte von ihnen überholt, werde ich wütend und denke, was ich nicht denken darf: Die sind doch eh alle gedopt. Was sagt es über meinen Fitnesszustand, wenn ich dieses Pauschalurteil auch auf Hobbysportler ausweite? Hat mir nicht Uwe Trömer, DDR-Bahnradfahrer und vom Bundesverwaltungsamt anerkanntes Dopingopfer, gesagt, dass auch auf der Tribüne des Olympiastadions fast die Hälfte der Menschen auf pharmakologische Unterstützung setze? Und spricht nicht auch der früher dopende Bodybuilder Jörg Börjesson von horrendem Ausmaß des Freizeitdopings? Meine Rettung wartet am Rasens des Schloss Bellevue, dort steht es schwarz auf weiß und rot umrandet: Zehn Kilometer pro Stunde. Danke Herr Bundespräsident, Danke. Doch nicht einmal das kann mich davor retten, von einer Kenyanerin überholt zu werden, die mir kaum bis zum Kinn reicht. Bevor ich meine Rechtfertigung für langsames Joggen weiterspinnen kann -  – komme ich an den Überresten einer Party vom Vorabend vorbei und grüße, gewissermaßen auf Augenhöhe, zwei leere Pullen Bier. Guten Morgen, ihr Flaschen! Guten Morgen, du Flasche. Na denn Prost.

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