mehralslaufen
Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

Hier stehe ich und werfe, ich kann nicht anders!

Josef Bordat war in seiner Jugend Diskuswerfer, heute arbeitet der Hobby-Leichtathlet als Philosoph. In einem Interview mit Mehr als Laufen erklärt er, was die Philosophie vom Sport und der Sportler vom Philosophen lernen kann.

 

Josef Bordat ist Philosoph und passionierter Diskuswerfer.

Josef Bordat ist Philosoph und passionierter Diskuswerfer. (Foto: Roxana Valdivia Bernedo)

 

Interview: Dorothee Torebko

Herr Bordat, was ist das Besondere an der Disziplin Diskuswurf?

Bordat: Was uns Diskuswerfer verbindet, ist unser Schattendasein. Ein mittelmäßiger Läufer bekommt immer mehr Aufmerksamkeit als ein erstklassiger Werfer, zumal der meist auf dem Nebenplatz antritt. Der gemeine Diskuswerfer ist eine Marginalie. Er kann aber nicht anders als Diskuswerfen, weil er im Rahmen der Leichtathletik nichts anderes kann. Das hat etwas mit dem schicksalhaften Geworfensein Martin Heideggers zu tun. Nach Heidegger müssen die Menschen als In-die-Welt-Geworfene ihr Da-Sein mit Sinn erfüllen. Vielleicht ist also das Diskuswerfen eine Art rebellische Befreiung vom Geworfenen zum Werfenden, vom passiven Schicksalserdulder zum aktiven Weltgestalter.

Der Diskuswerfer als Weltgestalter?

Bordat: Im weitesten Sinne schon. Natürlich beziehe ich diese Erklärung auf meine eigene Situation und meine eigenen Erfahrungen, Verallgemeinerungen und Übertragungen auf andere Sportler sind schwierig. Wahrscheinlich kann man den wahren Kern der Liebe zur Zwei-Kilo-Scheibe aber nur dann erfassen, wenn man selbst an einem Sommertag dem Diskus hinterherschauen durfte, wie dieser als Punkt am strahlend blauen Firmament der Ewigkeit entgegenzufliegen scheint.

Wie würde Heidegger denn einen Sportler trainieren?

Bordat: Heidegger würde dem Diskuswerfer wohl raten, sein Da-Sein als Sportler anzunehmen und auszufüllen. Das würde er aber auch jedem anderen Menschen raten.

Die Philosophie hat den Sport für sich entdeckt. Auf dem Weltkongress für Philosophie in Seoul gab es zum Beispiel Beiträge zum Zusammenhang zwischen Philosophie und Sport. Was kann ein Leichtathlet von einem Philosophen für seine Sportart lernen?

Bordat: Abgesehen von der Geschichte des Diskuswurfes, kann der Sportler von einem Existenzphilosophen wie Heidegger lernen, sich auch in Krisen als Diskuswerfer anzunehmen. Er kann sicherlich auch Kraft aus philosophischen Einsichten schöpfen, die in Form von Sinnsprüchen und Aphorismen erhalten sind –wenn er diese Kraft nicht aus einem religiösen Glauben bezieht. Denn viele Topathleten sind sehr gläubige Menschen, die sich vor und nach dem Wettkampf im Gebet sammeln.

Was kann der Philosoph auf der anderen Seite von dem Sportler lernen?

Das, was alle Menschen von Sportlern lernen können: Man kommt nur über Fleiß und Beharrlichkeit zum Erfolg. Philosophen gelten als Genies und halten sich manchmal vielleicht auch dafür, weil sie ihr Werk auf Geistesblitzen aufbauen. Das stimmt aber nicht. Die Idee muss einen Philosophen bei der Arbeit antreffen, sonst verpufft sie. Richtig große Philosophen wussten das immer schon, Leibniz etwa oder Kant, deren Leben sehr geordnet und diszipliniert ablief. Die haben übrigens auch nie geheiratet – trotz vieler Möglichkeiten – weil sie der Ansicht waren, die Ehe raube ihnen die Zeit. In der Leichtathletik heißen die unterschiedlichen Sportarten nicht umsonst Disziplinen.

Momentan setzen Sie sich mit der Disziplin Fußball näher auseinander und arbeiten an einer Ethik für Fußballfans, die zur WM 2010 in Südafrika erscheinen soll. Darin stellen Sie die These auf, dass der Sport einen Beitrag zum Frieden leisten kann. Wie geschieht dies?

Bordat: Hierbei unterscheide ich die kollektivistische und die individualistische Prävention. Kollektivistisch denke ich vor allem an Fußballländerspiele, die eine Art gezähmten Ersatzkrieg darstellen, der durch Regeln und vor allem die zeitliche Begrenzung auf neunzig Minuten überschaubar ist. Rivalitäten, die vor einigen hundert Jahren zu Kriegen geführt haben, werden nun auf dem Platz ausgetragen, in der Arena. Die sprachliche Deutung bleibt strategisch-kriegerisch, die Sache selbst ist harmlos, zumindest harmloser als ein Krieg.

Individualistisch denke ich an die Tatsache, dass im Sport Gefühle wie Aggressionen, aber auch Freude ihren Platz haben und  im Rahmen der Regeln hemmungslos ausgelebt werden dürfen – das gilt für die Aktiven wie für die Zuschauer. Somit wird ein Gewaltpotential kanalisiert. Zudem lernt man als Sportler seine Grenzen kennen und die des Anderen. Man lernt, den Gegner zu achten, sodass man ihn zwar bezwingen, aber niemals vernichten will.  Gegenseitiger Respekt erwächst – eine Basis für Frieden.

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