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Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

“Wir werden einen Zuschauerrekord aufstellen”

Die Leichtathletik-WM in der Hauptstadt musste sich im Vorfeld viel Kritik gefallen lassen. Der Berliner Staatssekretär für Sport ist dennoch guter Dinge: Thomas Härtel über schleppende Kartenverkäufe zur WM und entflammende Sportbegeisterung bei Jugendlichen.

Interview von Marc Röhlig

Herr Härtel, interessiert sich überhaupt noch jemand für Sport?

Eindeutig: Ja! Gerade unter Jugendlichen gibt es ein großes Interesse an Sport. In Berlin hat sich nach der Fußball-WM 2006 ein richtiger Ansturm auf die Vereine entwickelt. Viele Kinder waren durch die Bilder der Meisterschaft derart motiviert, gleich selbst in Vereinen aktiv zu werden. Das gilt auch besonders für Mädchen.

Mit welchen Initiativen werden die Kids denn für Sport interessiert?

Wir versuchen, den Kindern so viel Sport wie möglich bereits in den Schulen und Kitas zu ermöglichen. Bewegungsspiele und Erziehung zur gesunden Ernährung werden bereits in den Kindertagesstätten angeboten – im Unterricht schließlich bringen wir als eines der wenigen Bundesländer drei Stunden Sport pro Woche auf den Plan. Und zusätzlich gibt es rund 600 Partnerschaften zwischen Berliner Ganztagsschulen und Sportvereinen, die ihre Projekte im Nachmittagsprogramm anbieten können. Schule und Sport über Jahre hinweg so konsequent zusammenzuschweißen – da hat Berlin bundesweit eine Vorreiterrolle.

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Verschlossene Türen beim Kartenvorverkauf am Stadion: "Wir sind schon jetzt erfolgreicher als Osaka", Fotos: Marc Röhlig

Der Erfolg in Zahlen: Wie viele Berliner treiben Sport?

Direkt in Vereinen engagieren sich rund 15 Prozent aller Berliner, Kinder und Erwachsene. Aber zum Sporttreiben gehört ja noch viel mehr: Joggen oder Schwimmen gehen, mit dem Rad zur Arbeit fahren. Da kommen wir auf insgesamt 70 Prozent aktive Berliner. Unsere Stadt ist ganz klar sportbegeistert!

Wie viel kostet denn diese Begeisterung?

Berlin gibt in der Sportförderung jährlich mehr als 150 Millionen Euro aus. Für drei Bereiche nutzen wir die Gelder: Vereine werden unterstützt, Sportstätten werden finanziert und Sporttraining wird zielgerichtet bezuschusst. Im Sportfördergesetz legen wir fest, wie viel welcher Sportverein erhält. Was die Berliner Sportstätten angeht, so haben wir erreicht, dass öffentliche Sportanlagen, jede Halle und jedes Stadion kostenfrei von allen Berlinern für Training, Lehr- und Wettkampfbetrieb genutzt werden kann. Das betrifft auch die Schulen und Hochschulen sowie die sportlichen Angebote der Kitas. Mit Schwimmbädern sieht es ähnlich aus: Hier sind die Bäder für Schulen, Kitas und Sportorganisationen unter den gegebenen Bedingungen ebenfalls kostenfrei.

Das Geld kommt aus dem Berliner Haushalt und von der Deutschen Klassenlotterie Berlin.

Das ist richtig, aber die Zuschüsse der Klassenlotterie machen nur zehn Prozent, also rund 15 Millionen Euro der Gesamtförderung, aus. Früher gab es auch noch eine Million aus den Erlösen der Berliner Spielbank. Die wurden vor allem für kleine Bundesligavereine, die Albatrosse und die Eisbären, verwendet.

Ist das nicht paradox, dass zum Beispiel durch Sportwetten bei Oddset, das ja zur Klassenlotterie gehört, der Sport wieder co-finanziert wird? Wird so nicht auch Spielsucht toleriert?

Es sieht in der Tat zunächst paradox aus, ist aber nicht so schlimm. Wir achten gemäß des Staatsvertrages sehr genau darauf, auf Spielsucht hinzuweisen und das Lotterie- und Wettgeschäft nicht zu bewerben. Wegdenken lässt es sich dennoch nicht. Und gerade daher ist es doch gut, die erwirtschafteten Gelder sinnvoll einzusetzen. Das aus Lotteriegeldern Finanzspritzen für den Sport werden, hat in der Berliner Sportförderung schon richtige Tradition.

Fotogalerie von Marc Röhlig: “Eine Stadt und ihr Event”. Zum Vergrößern auf die Bilder klicken.

Aber mit Geld allein lässt sich doch nicht der Wille zur Bewegung bezahlen?

Das muss auch nicht sein. Wir ermöglichen durch unsere Fördergelder die Basis – an den Vereinen liegt es dann, Werbung für ihre Sportart zu machen. Und das tun sie mit Galas, Schulveranstaltungen, Vereinsfesten. Die Begeisterung für den Sport kommt dann von selbst.

Was im kleinen Rahmen sicher gut funktioniert. Aber wie sieht es mit der Leichtathletik-WM aus? Es hängen kaum Plakate in Berlin. Hat hier das Marketing versagt?

Ich sehe hier gar kein Marketing-Desaster: In U-Bahnhöfen und an öffentlichen Gebäuden hängen Plakate, die Hauptstraßen zum Olympiastadion sind beflaggt, seit letzter Woche sind die Zeitungen voll von Werbung. Und selbstverständlich wussten die Reisebüros und Verbände dieser Welt auch schon im letzten Jahr von der WM in Berlin – das zu wenig oder zu spät geworben wurde, stimmt so nicht.

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Der Berliner Staatssekretär für Sport Thomas Härtel: "Es gab kein Marketing-Desaster"

Dennoch gibt es einige Athleten, unter ihnen der Läufer Carsten Schlangen und die Speerwerferin Christina Obergföll, die das Marketingkonzept als chaotisch kritisieren. Es wurde die Chance verpasst, mit den Sportlern Identifikationsbilder für das Event zu schaffen.

Da haben sie recht. Die Kampagne „Gesicht zeigen“ sollte deutsche Athleten als Werbeträger für die WM aufbauen. Warum das nicht geklappt hat, weiß ich nicht. Ich teile die Kritik, dass nicht deutlich genug mit Gesichtern und Emotionen geworben wurde. Aber noch mal: Gerade in den letzten Tagen waren die Zeitungen und Radios voll mit Werbung. Die WM wurde und wird gut vermarktet.

Trotz Werbung, vor Beginn der WM wurden nur zwei Drittel der Stadionkarten verkauft.

Das klingt beunruhigend, ist aber ganz normal. Wir hoffen, dass wir mit der Tageskasse noch mal richtig zulegen. Aber auch was den Vorverkauf der Karten betrifft, sind wir Spitze gegenüber allen anderen bisher gelaufenen Leichtathletik-Events. Die letzte WM in Osaka hatte auch schlechte Vorverkäufe.

Leere Plätze im Stadion wird es also nicht geben?

Natürlich wird es leere Plätze geben. Bei einer Qualifikation vormittags zehn Uhr werden sicher Stühle frei bleiben. Aber wenn es zu den finalen Wettkämpfen am Abend kommt, dann wird das Olympiastadion voll sein. Und Berlin hat noch einen anderen Bonus: Wir holen erstmals die WM aus dem Stadion in die Stadt. Die Wettkämpfe im Gehen und beim Marathon starten und enden im Zentrum. Wir werden in Berlin mehr aktive Zuschauer haben, als bei jeder anderen Leichtathletik-Meisterschaft, die vorher stattgefunden hat.

Versprochen?

Ja, versprochen.

Aber ein Frust dürfte bleiben: Doping ist im Sport mittlerweile Dauerthema. Auch eventuelle Rekorde bei dieser WM werden angezweifelt werden.

Das frustriert alle, die Sport lieben. Auch mich. Aber es muss offen thematisiert werden. Und Politik wie Verbände müssen gemeinsam deutlich machen: Für Doping gibt’s die rote Karte. Vielleicht können wir dem Thema Doping begegnen, indem wir aufhören auf Rekorde zu schielen. Interessanter als Zahlen sind doch die Athleten, ihre leidenschaftlichen Duelle und ihr Wille zu siegen.

Wer wird in der nächsten Woche für Deutschland siegen?

Ariane Friedrich ist im Hochsprung eine klare Medaillenkandidatin. Aus Berliner Sicht würde ich mich auch für den Diskuswerfer Robert Harting freuen. André Höhne, unser Geher, wird sich auch nicht verlaufen. Ich schätze, dass die deutschen Athleten zehn bis 15 Medaillen holen werden.

Zum Desaster um die WM-Finanzierung auch den Artikel von Jens Weinreich auf SPIEGEL ONLINE lesen.

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