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Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

“Jetzt müssen die Männer nachlegen”

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Am Morgen danach: Vizelwetmeisterin Nadine Kleinert (mitte) bei der Pressekonferenz. (Foto: Tänzler)

Mit einem Spruch hatte Nadine Kleinert am Morgen nach ihrer Silbermedaille im Kugelstoßen die Lacher auf ihrer Seite: „Wir Frauen haben vorgelegt, die Männer werden sicher nachlegen.“  Dass Ralf Bartels tags zuvor bereits Bronze für das „starke Geschlecht“ gewonnen hatte, war ihr kurz entfallen – kein Wunder, nach diesem laut DLV-Cheftrainer Jürgen Mallow „denkwürdigen Leichathletiktag“. Sonst, so Mallow, müsse er immer erklären, warum die deutschen Leichathleten „trotzdem gut“ seien – diesmal habe Leistung für sich gesprochen.

Von Jade Tänzler und Niklas Schenck

Kleinert sagte, sie habe sich nicht gefühlt, als stünde sie im Schatten der 100-Meter-Läufer. „Immerhin mussten die wegen uns acht Minuten später starten“, sagte sie selbstbewusst und grinste – jetzt weiß Bolt endlich mal, wie wir uns immer fühlen“.

Auch Siebenkämpferin Jennifer Oeser, die überraschend Silber gewann, fand, das Publikum habe sich sogar mehr auf die deutschen Athleten konzentriert. “Der Weltrekord von Bolt war dann eine Zugabe auf einen wirklich wunderbaren Leichathletik-Tag”. Nach dem Wettkampf, so Oeser, habe sie mit ihrem Trainer Karl-Heinz Düe gescherzt, dass nach Erreichen des großen Ziels einer WM-Medaille eigentlich die Zeit für einen Rücktritt gekommen sei. „Aber das ist natürlich nicht ernst gemeint. Wir haben nächstes Jahr wieder eine EM und auch Olympia 2012 ist natürlich weiterhin in meinem Plan.“

„Vielleicht wäre es auch Gold geworden“, sagte Jennifer Oeser heute morgen bei der täglichen Pressekonferenz des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV). Den Schockmoment, als sie nach rund 350 Metern im abschließenden 800-Meter-Rennen stürzte, kann sie immer noch nicht beschreiben. „Ich lag plötzlich einfach da“, sagt sie. „Aber ich wollte mir nicht die Medaille nehmen lassen. Das durfte es einfach noch nicht gewesen sein. Das Publikum hat mich getragen.“ Dass es am Ende für Jennifer Oeser doch noch für Silber reichte, freute nicht nur die Fans, sondern auch ihre Teamkollegin. „Ich bin Jenny hinten reingelaufen, das war ein Schrecken“, sagt Julia Mächtig, die Neunte wurde. „Ich habe Jenny dann aber Platz gemacht. Ich wollte, dass sie wieder nach vorne prescht. Ich wollte auch selbst hinterher, aber ich war ein bisschen fest.“

Wenigstens mit Bronze habe sie gerechnet, sagte Oeser, und trotzdem wurde ihre Freude nicht sofort sichtbar. “Ich hatte Angst, dass ich noch disqualifiziert werden könnte, mit solchen Stürzen hatte ich ja bisher keinerlei Erfahrung”, gestand sie später.

“Ich wollte es euch nicht vorher sagen, dass ich eine Medaille gewinnen will, sonst hättet ihr es mir über den Kopf gekloppt.”

Nadine kleinert übte, wenngleich schmunzelnd, auch ein wenig Medienkritik nach ihrem Erfolg. Sie habe eine Medaille fest im Visiert gehabt, so die 33 Jahre alte Magdeburgerin. “Hier in Berlin war klar, dass ich nach vorne wollte.” Sie habe aber vorher nichts davon gesagt, um sich nicht harter Kritik im Falle eines Scheiterns auszusetzen.

“Wir haben uns die Rolle als Traumpaar ja nicht ausgesucht.”
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Carolin Nytra und DLV-Cheftrainer Jürgen Mallow: "Diese Rolle haben wir uns ja nicht ausgesucht". (Fotos: nsch/tänz)

Auch Hürdensprinterin Carolin Nytra stellte sich den Fragen der Medien. Nein, sie sei es noch nicht leid, immer auf ihre Beziehung zu Weitspringer Sebastian Bayer angesprochen zu werden. “Wir haben uns diese Rolle als angebliches Traumpaar ja nicht ausgesucht”, sagte sie. Cheftrainer Jürgen Mallow grinste nur und verriet, dass diese “schöne Geschichte” angeblich “in der Dramaturgie so vorgesehen” gewesen sei. “Der DLV ist ja schließlich auch nicht dumm”, so Mallow.

Auf den vermeintlichen Fabelweltrekord von Usain Bolt angesprochen – die zugleich insinuierte, ob Doping im Spiel gewesen sein könnte, reagierte Mallow ausweichend: “Worauf es heute in der Leichathletik ankommt, sind nicht Zahlen, sondern Menschen.” Ihm seien Wettbewerbe wie der Siebenkampf der Frauen lieber, bei denen die Führung häufig wechsle und die Spannung bis zum Schluss erhalten bleibe. “Wenn einer so vorneweg läuft wie Bolt, dann ist das langweilig, da sind die Zeiten fast egal.” Mallow sorgt sich nicht, dass mit den Medaillen für Bartels, Oeser und Kleinert die deutschen Erfolge schon vorbei sind:

“Der Heimvorteil hat sich in den ersten Tagen als realistisches Element erwiesen, davon werden auch unsere anderen Athleten profitieren.”

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