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Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

Hier bin ich Fan, hier darf ich´s sein

Was bringt einen rationalen Menschen dazu, im Stadion gröhlend und Fahnen schwingend herumzuspringen? Aber warum interessieren sich viele für Fußball und nur wenige für Leichtathletik? Und warum verehren Fans ihre Idole? Gerd Dembowskis Forschungsfeld ist das Stadion. Er ist Fanexperte, interessiert sich weniger für Sportler als für die Personen auf den Rängen.

Interview von Aline Lutz

Herr Dembowski, warum wird bei einer Leichtathletik-WM nicht so mitgefiebert wie bei einer Fußball-WM?

Leichtathletik ist eine Individualsportart. Die Identifikation mit einer Mannschaft ist immer tiefer, als mit einzelnen Menschen, da fördern Medaillenspiegel nationale Identifikation nur bedingt. Außerdem ist die Fangeschichte des modernen Fußballs historisch verankert. Zum Beispiel in Großbritannien, da hat sich auf der Wiese hinter dem Pub der Fußball mit seiner Zuschauerkultur entwickelt. Schon damals war Fußball ein Mittel zur Kompensation – in diesem Falle zur Kompensation einer als geschwächt oder fehlend empfundenen Gemeinschaft.

Fotogalerie “WM-Fans vor dem Olympiastadoin” von Marc Röhlig. Zum Vergrößern auf die Bilder klicken:

Wann ist ein Fan ein Fan?

Ein Fan fragt nicht, was er bekommt, sondern eher was er geben kann. So verzichtet er oft auf Vieles. Zum Beispiel auf seine zwanglose Freizeit. Fansein verspricht Ersatzfreiheit. Aber Fans nutzen zum Beispiel den Fußball auch, um rebellischen Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen. Ein Fan kann auch jemand sein, der seine eigene Identität erweitert und ihr eine Gruppenidentität hinzufügt, indem er, seinem Leben einen vermeintlichen Sinn gebend, an ein Außen andockt.

“Fußball beispielsweise wird oft mit Religion verglichen”

Warum sollte ich Fan werden?

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Gerd Dembowski ist Fanexperte und publiziert zu Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus im Fußball

Indem man Fan wird, findet man gewissermaßen Halt in dieser Welt. Gleichzeitig hat das Fansein nichts Dogmatisches an sich, hilft aber eine Lücke im Leben zu schließen. Fußball beispielsweise wird oft mit Religion verglichen. So ist es für viele Fans ein regelrechtes Ritual, ins Stadion zu gehen. Während der Alltag einer Disziplinierung und einem umschaltbaren Rollenverhältnis unterworfen ist, kann der Fan dem temporär entfliehen, indem er zum Beispiel im Stadion laut und auffällig ist, das Innere nach außen kehrt. Das hat eine gesellschaftsstabilisierende, reinigende Funktion und ist zugleich ein Ausbruch aus der zugewiesenen Rolle im Alltag. Der Fan erkennt: Hier kann ich sein wie ich wirklich bin.

“Je tiefer der Fan in diese Welt dringt, desto leichter verliert er sich darin”

Wann wird aus dem Fan ein Fanatiker?

Möglicherweise dann, wenn er den Blick für die Realität mehr und mehr verliert und sein Verein ein überhöht wichtiges Ausdrucksmittel des eigenen Lebens wird. Die Funktion der Gruppe gewinnt dann an Wichtigkeit. In der dortigen Hierarchie ist ein Aufstieg unter Umständen leichter als im realen Leben. Der Fan kann dort seine soziale Rolle festigen. Je tiefer der Fan in diese Welt dringt, desto leichter verliert er sich darin. Das kann passieren, wenn der eigene Alltag nicht befriedigend ist. Wichtig ist zu verstehen, dass es nicht der Gegenstand ist, der Fanatismus auslöst, sondern die Potenziale der Menschen, die diese Gegenstände psychologisch aufladen.

“Wenn Fans sagen ‘Wir sind Weltmeister’, dann ist das im Grunde pathologisch”

Kann das Fansein auch negative Folgen haben?

Auf der einen Seite hadert und begeistert sich der Fan zwar für Bands oder Fußball und fühlt, dass er so seinen Frust und ‘kleinen Hass’ abbauen kann. Aber auf der anderen Seite hat er seine Situation real nicht geändert. Der Fan geht am Montag wieder zur Arbeit – wenn er welche hat – und die eigenen Missstände werden weiter bestehen. Wenn Fans sagen ‘Wir sind Weltmeister’, dann ist das im Grunde pathologisch. Sie sind es eben nicht, und an ihrer alltäglichen Situation ändert sich faktisch nichts, wenn irgendwo elf Jungmillionäre ein Turnier gewinnen. Dass Nationalismen, Rassismen und Sexismen zum Beispiel im Fußball verstärkt zum Ausdruck kommen können, ist dabei nicht eine negative Folge des Fanseins. Die gesellschaftlich sanktionierte Situation Stadion bringt lediglich zum Vorschein, was bereits in den Menschen schlummert.

“Generell geht es vielen um die Findung und ständige Bestätigung einer imaginären Hierarchie”

Unterscheiden sich alte von jungen Fans?

Das ist nicht pauschal zu beantworten. Einerseits gibt es ältere Fans, die mit ihrem exklusiv angesammelten Wissen jüngere zu beeindrucken versuchen. Die Jüngeren versuchen, hipper zu sein durch ihre fanspezifischen Ausdrucksformen. Generell geht es vielen um die Findung und ständige Bestätigung einer imaginären Hierarchie. In diesem Hierarchiesystem wird Anerkennung verteilt. Dies ist sehr wichtig für das soziale Gefüge einer Fangruppe.

Und wie steht es um die weiblichen Fans im Stadion?

Frauen können es im Stadion oft schwer haben, sich Platz zu verschaffen. Es ist traditionell ein Männerreservat. Wenn Männer erst einmal anerkannt sind, dann bleiben sie es eher. Frauen sagen mir, dass sie sich immer wieder neu beweisen müssen.

Welche Rolle spielen Medien für die Fankultur?

Medien verstärken das Fansein und sprechen eine Masse an, die über die Anwesenheit im Stadion hinausgeht. Egal ob in zustimmender oder ablehnender Weise über die Medienberichterstattung geredet wird, das Gerede ist entfacht. Man sollte zwischen Stadion- und TV-Fans unterscheiden. Denn Medien verändern auch die Wahrnehmung und Inszenierung von Sport. Kinder, die Sport bisher nur mit schnellen Schnitten und Slowmotion kannten, gehen ins Stadion und sind überrascht, wie langweilig das sein kann. Die Leute merken dann plötzlich, dass sie dort weniger sehen, nichts noch mal sehen können und wie lange das Spiel dauert. Deswegen haben sich die Stadien verändert und besitzen zunehmend Leinwände. Es kommt also zu einer Angleichung von medialer Präsentation im Stadion, zumindest aber zu einer Wechselwirkung mit dem Live-Event im Stadion.

Bei der Beerdigung von Michael Jackson haben sehr viele Fans mit getrauert. Handelt es sich um dasselbe Prinzip des Fanseins wie bei Sportanhängern?

Fanatismus funktioniert bei Popstars anders. Im Falle Michael Jackson wurde global sehr viel Anteilnahme medial und künstlich erzeugt. Jackson geisterte außerdem seit Jahren mit privaten Themen, nicht mit aktuellen musikalischen Leistungen, durch die Medien. Es ging also verstärkt um ihn als Privatperson. Der Verlust des Sängers wird zum eigenen persönlichen Verlust gemacht.

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