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Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

“Doping gehört langfristig zum Sport”

Während der Leichtathletik-WM prüfen 50 Wissenschaftler, Doktoranden, Techniker und Laboranten im Institut für Biochemie der Sporthochschule Köln Dopingproben auf verbotene Substanzen. Der Leiter des Doping-Labors, Professor Dr. Wilhelm Schänzer, spricht im Interview über die Kooperation mit Pharma-Unternehmen, die Spätfolgen von Doping und Abschreckung im Anti-Doping-Kampf.

Interview: Insa Winter

Professor Schänzer, wie hat sich Ihr Doping-Labor auf die anstehende Leichtathletik-Weltmeisterschaft vorbereitet?

Die Kontrollen werden sowohl in Kreischa bei Dresden als auch hier in Köln vorgenommen. Das Schwierige ist, dass der Internationale Leichtathletik-Verband bei so einer Großveranstaltung in der Regel innerhalb von 24 bis 48 Stunden die Ergebnisse haben will. Wir müssen hier im Institut rund um die Uhr arbeiten, auch an Feiertagen und Wochenenden.

24 Stunden?

Wir versuchen schon den gesamten Zeitraum arbeitstechnisch abzudecken, auch nachts.

Professor Dr. Wilhelm Schänzer

Versucht Dopingsünder zu überführen: Professor Dr. Wilhelm Schänzer (Foto: Institut für Biochemie)

Ist das eine Art Ablenkungsmanöver, wenn Sportler sich über Messfehler beschweren?

Messfehler lassen sich in der Regel ausschließen, weil wir mit entsprechenden Kontrollen arbeiten. Wir müssen mit unseren Daten auch vor Gericht Stand halten. Es wird dann in der Regel von der A-Probe noch eine B-Probe vorgenommen, die das Ergebnis der A-Probe eindeutig bestätigen muss. Die Kriterien für dieses Vorgehen werden von der Welt-Anti-Doping-Agentur vorgegeben, und wir befinden uns innerhalb dieser Kriterien auf einem sehr hohen Niveau. Bei der B-Analyse können Gutachter anwesend sein, um zu überprüfen, dass alles entsprechend den Standards verläuft. Messfehler werden im Regelfall im Rahmen der Erstanalyse bereits überprüft und ausgeschlossen.

Aktueller Fall: Die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein verweist darauf, dass die Labore aus Lausanne (1,6%) und Kreischa (2,4%) bei der gleichen Blutprobe unterschiedliche Werte herausbekamen. Wie kann das sein?

Hier wurde mit zwei unterschiedlichen Systemen gemessen. Das ist nicht zulässig, und die Ergebnisse sind nicht vergleichbar. Was da im Augenblick berichtet wird, ist sehr verwirrend. Um Blutprofile vergleichen zu können, dürfen nur Daten von einem Messsystem verwendet werden.

Wie bewerten Sie den Fall Pechstein nach dem derzeitigen Wissen?

Der Eisschnelllauf-Weltverband ISU hat sicherlich sehr viele Argumente und Daten zusammengetragen. Man wird nun abwarten müssen, ob die Partei Pechstein mit ihren Gutachtern das Ergebnis erschüttern kann. Das ist sicherlich ein juristisches Spiel, das demnächst in Lausanne am internationalen Sportgerichtshof (CAS) entschieden wird. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass die ISU die Daten, die sie herangezogen hat, auch sehr gut vertreten und verteidigen kann.

Pechstein behauptet auch, Proben im Labor seien vertauscht worden. Wie gewährleisten Sie den reibungslosen Analyseablauf in Ihrem Labor?

Im Labor wird alles dokumentiert. Der Athlet bekommt das natürlich nicht vorgelegt. Die Proben haben in der Regel bei Ankunft im Labor Codenummern. Diese Codenummern bekommen dann bei uns eine laufende interne Codenummer. Das heißt, wir codieren die Proben um. Ob das im Fall Pechstein genauso gewesen ist, müsste man anhand der Dokumentationen überprüfen können. Ich gehe nicht davon aus, dass es hier zu einer Verwechslung von Proben gekommen ist.

Dopingsünder wissen oft mehr als Sie, viele Substanzen sind noch nicht nachweisbar. Wie halten Sie Schritt?

Es gibt eine Vernetzung der Anti-Doping-Laboratorien weltweit. Die Welt-Anti-Doping-Agentur koordiniert den Kampf gegen Doping und gibt Hinweise auf neue Dopingtechniken. Wir haben an der Sporthochschule in Köln eine eigene Gruppe gegründet, die mit unserem Institut zusammenarbeitet. Am Zentrum für präventive Dopingforschung erforschen Mitarbeiter, was möglicherweise an Dopingsubstanzen demnächst auf den Markt kommt. In manchen Bereichen sind wir erfolgreich gewesen, aber sicherlich nicht überall. Insgesamt hat sich im Anti-Doping-Kampf schon einiges verbessert und es wird zunehmend schwerer für Athleten sich so zu dopen, dass sie für lange Zeit unentdeckt bleiben.

Wie gut arbeiten Sie mit der Pharma-Industrie zusammen?

Roche hatte beispielsweise angeboten, ein Nachweisverfahren für das Dopingmittel Cera in Zusammenarbeit mit der Welt-Anti-Doping-Agentur zur Verfügung zu stellen. Dabei waren allerdings nur ein bis zwei Labore involviert. Bis dann der Test in allen Laboren eingeführt ist, vergeht oft zu viel Zeit. Wir haben diesen Cera-Test erst seit ein bis zwei Monaten in unserem Institut etablieren können. Wenn man aber bedenkt, dass dieses Cera schon 2007 auf dem Markt war und Roche im Grunde schon vier Jahre vorher wusste, dass das auf den Markt kommen würde, dann ist aus meiner Sicht die Hilfe der Pharma-Industrie noch nicht ausreichend. Die Kooperation müsste deutlich verbessert werden, damit neue Testverfahren noch schneller eingesetzt werden können.

Wie viel versprechen Sie sich in dem Zusammenhang vom indirekten Beweis, bei dem den Sportlern über einen langen Zeitraum Blutproben entnommen und diese auf ungewöhnliche Abweichungen hin überprüft werden?

Da wird man Erfahrung sammeln müssen. Generell wird das zu einer erhöhten und verbesserten Abschreckung führen. Wir wissen aber auch, dass Sportler, die geschickt manipulieren, sich natürlich an ihre individuellen Grenzwerte herandopen können und werden. Gerade weil man diese Parameter, die wir bestimmen, in jedem Labor nachmessen und analysieren kann, weiß ein Sportler relativ gut und schnell, wie er seine Dopingtechniken einsetzen muss, damit die Veränderung in seinen Werten nicht zu auffällig ist.

Eike Emrich, Vizepräsident Leistungssport des Deutschen Leichtathletik-Verbands, forderte 2007, Proben müssten zur Wahrung der Unabhängigkeit in anderen Ländern analysiert werden. Was meinen Sie?

Das ist unpraktikabel und nicht notwendig. Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat in ihrem Code ganz klar festgelegt, dass eine Probe im Falle einer erneuten Analyse im gleichen Labor analysiert werden muss, und versucht durch verschiedene Akkreditierungsvorgaben die Qualität der Laboratorien international auf ein vergleichbares Level zu heben, sodass es langfristig keinen großen Unterschied macht, ob eine Probe in Köln oder Lausanne oder in einem anderen Land der Welt analysiert worden ist.

Aus klinischen Studien weiß man inzwischen viel über die Nebenwirkungen und Spätfolgen von Dopingmitteln, aber lassen sich die Gefahren tatsächlich exakt abschätzen?

Das Wissen über Menschen, die zu Medikamenten greifen und diese auch unter extremer Belastung einsetzen, ist zu gering, aber Nebenwirkungen können bei keiner Subtanz ausgeschlossen werden. Es gibt unzählige Sportler, die heute sagen: „Da habe ich mir und meiner Gesundheit langfristig so mit geschadet, dass ich selbst im Alter noch darunter leiden werde.“ Dopingmittel sind in der Regel Arzneimittel, die nicht an Gesunden getestet wurden, sondern nur an Kranken. Trotzdem kennt man die Nebenwirkungen aus entsprechenden Querschnittsuntersuchungen, die mit Sportlern vorgenommen wurden, die z.B. mit anabolen Steroiden gearbeitet haben. Aus diesen Untersuchungen ist bekannt, dass es schwerwiegenden Erkrankungen an Organen, am Herzen, an der Leber und auch zu Todesfällen kommen kann. Man muss natürlich auch bedenken, dass eine pharmakologisch wirksame Substanz nicht auf alle Personen gleich stark wirkt. So kann es sein, dass man auf eine Substanz stärker oder auch schwächer reagiert als ein anderer.

Der Langstreckenläufer Dieter Baumann verlor 2000 gegen den Internationalen Leichtathletik-Verband vor Gericht, obwohl Sie nachweisen konnten, dass seine Zahnpasta mit Nandrolon versetzt war. Wie weit darf ein Labor Partei ergreifen, ohne dabei unglaubwürdig zu werden?

Wir haben nicht für Herrn Baumann analysiert, sondern für den Deutschen Leichtathletik-Verband. Das war eine Auftragsarbeit. Damals waren kontaminierte Nahrungsergänzungsmittel auf dem Markt. Das hat dazu geführt, dass bei Herrn Baumann diese zusätzlichen Untersuchungen eingeleitet wurden. Das Labor verhält sich da neutral. Es ist ja nicht so, dass wir die Ergebnisse zu Herrn Baumanns Vorteil ausgelegt haben. Die Ergebnisse haben ganz einfach diese Konstellation ermöglicht und konnten so letztlich zur Verteidigung von Herrn Baumann verwendet werden. In der Hinsicht ist dies eine neutrale Stellung, die wir einnehmen. Wir produzieren Ergebnisse. Und wie diese Ergebnisse dann verwendet werden, ist nicht mehr in unserer Hand.

Im vergangenen Jahr wurde den spanischen Hockeyspielerinnen in Aserbaidschan ohne ihr Wissen verbotene Substanzen ins Essen gemischt. Bei zwei Spielerinnen war die Dopingprobe positiv und es drohte der Ausschluss. Könnte so etwas auch bei der Leichtathletik-WM passieren?

Kann man das vorhersehen? Ihnen kann auch jemand etwas in Ihren Kaffee kippen. Bisher haben wir kaum Hinweise, dass so etwas passiert. Ausschließen kann man das aber nur, wenn Sportler genau aufpassen, was sie zu sich nehmen. Sie sollten ihre Getränke nie frei herumstehen lassen, schon gar nicht bei Wettkämpfen im Ausland.

Sind Versehen denkbar, etwa wenn jemand ein bestimmtes Erkältungsmittel genommen hat?

Ausschließen kann man das nicht. Wir hatten in den letzten Jahren hier in Deutschland einige Fälle mit dem Haarwuchsmittel Finasterid. Ich gehe davon aus, dass die Sportler das neue Reglement nicht ausreichend berücksichtigt hatten. Ob es ein Dopingverstoß ist, müssen die Verbände klären. Einige Dopingfälle sind sicherlich auch damit zu begründen, dass Athleten bzw. die betreuenden Ärzte nicht achtsam bei der Anwendung von Medikamenten bei Erkrankungen oder Verletzungen waren. Das ist aber in Deutschland mit der Einrichtung der Nationalen Anti-Doping Agentur deutlich besser geworden. Dort können sich Athleten erkundigen, welche Medikamente sie einnehmen dürfen und wo sie vorsichtig sein müssen.

Der Doping-Dealer Angel Heredia hat über viele Jahre hinweg amerikanische Spitzensportler wie die Sprinterin Marion Jones mit Dopingmitteln versorgt. Haben Sie bei seinen Aussagen über seine Dopingmethoden, z.B. Epo mit Eisen zu kombinieren, geschaudert oder kannten Sie die Details?

Zum Teil sind die Details bekannt. Und zum Teil wird man durch solche Äußerungen natürlich darin bestätigt, wo die tatsächlichen Probleme liegen und wo versucht wird, am Kontrollsystem vorbei zu dopen. Man bekommt aber auch Informationen, die noch nicht so bekannt gewesen sind. Hinweise auf Dopingpraktiken sind auf jeden Fall hilfreich.

Was sagen Sie zu Heredias Aussage, zwanzig seiner Substanzen seien bislang noch unentdeckt?

Es kommt immer auf die konkreten Substanzen an. Ausschließen, dass schwer nachweisbare oder noch nicht bekannte Substanzen zum Doping eingesetzt werden, kann man natürlich nicht. In der Regel wissen wir aber, was auf dem Markt ist und was möglicherweise nicht ausreichend nachweisbar ist. Ob solche Substanzen dann wirklich im Sport auch eine Rolle spielen und die Leistung entsprechend erhöhen, ist nicht immer bekannt und wissenschaftlich belegt. Man sollte vorsichtig sein und nicht immer glauben, dass jede Substanz wirklich eine Leistungsverbesserung erzielen kann.

Heredia bezweifelt, dass eine Leistungssteigerung über eine natürliche Grenze hinaus ohne Doping möglich ist.

Sicherlich sind irgendwo Leistungsgrenzen. Aber ob diese Grenzen nur mit Doping überschritten werden können, möchte ich jetzt nicht ausschließlich bejahen. Es gibt Situationen, in denen wir uns eine entsprechende Leistung nicht erklären können. Bob Beamon [Anm. d. Red.: US-amerikanischer Olympiarekordhalter seit 1968] ist zum Beispiel 8,90 Meter weit gesprungen. Da dachte man nicht direkt, dass ist nur mit Doping möglich gewesen. Heute werden immer wieder Spitzenleistungen erbracht, wo der Eindruck entsteht, sie seien ohne Doping nicht möglich. Ich denke, dass viele Leistungen sicherlich mit Doping eher zu erreichen sind als ohne.

Gibt es überhaupt noch einen „sauberen“ Sport?

Man versucht zunehmend “intelligent“ zu kontrollieren, indem man Athleten, bei denen eine Manipulation vermutet wird, gezielt verfolgt und verunsichert. Bei entsprechenden Verdachtsmomenten sollte man auch weiterhin mit der Staatsanwaltschaft arbeiten können und entsprechende Untersuchungen einleiten. Ich denke, dass die Abschreckung verbessert worden ist. Langfristig kann man sicherlich nicht verhindern, dass immer wieder Sportler – mit guter Unterstützung von Wissenschaftlern und Medizinern – dopen werden.

Doping gehört also dazu?

Doping gehört langfristig zum Sport. Wir werden sicherlich versuchen, die Abschreckung weiter zu erhöhen. Ich denke, früher ist deutlich umfangreicher manipuliert worden. Heute ist Doping durch die Medien bekannter; es werden durch qualitativ und quantitativ bessere Kontrollen viel mehr Sportler überführt. Der Spitzensport wurde durch viele Fälle in den letzten Jahren verunsichert. Ein Sportler kann sich heute nicht mehr sicher sein, bei einer Dopinganwendung nicht aufzufallen, eventuell wird er erst durch Nachkontrollen Jahre später überführt. Damit erreicht der Anti-Dopingkampf eine sehr hohe Abschreckung.

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