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Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

Der andere Zehnkampf

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Christian Schenk: Auch nach der Karriere noch ein Zehnkämpfer (Foto: Niklas Schenck)

“44 Jahre alt und immer noch der Adonis von damals”, so titelte die Bild-Zeitung in ihrer Rubrik „Was macht eigentlich“, über Christian Schenk, den Zehnkampf-Olympiasieger von 1988. Mehr als Laufen traf Christian Schenk zum Gespräch und schnell wurde klar: Nicht nur Status und Figur sind geblieben, auch die Vielfalt hat sich Schenk erhalten. Hier schildert er seinen ganz alltäglichen Zehnkampf. Ein Protokoll.

Aufgezeichnet von Niklas Schenck

Der tägliche Zehnkampf

„Auch 21 Jahre nach dem Olympiasieg ist der Zehnkampf für mich Alltag. Nach dem Studium 1996 habe ich die Agentur gegründet, die heute „Christian Schenk Sports“ heißt und mit der ich an zwei Standorten meine Idee von einem „gesunden Geist in einem gesunden Körper“ zu verkaufen versuche. In Rostock bieten wir touristisches Programm an, mit Incentive-Reisen für Unternehmen. In Berlin geht es um Sport, Vermarktung und Kommunikation. Ich muss immer Dienstleister sein, muss funktionieren, sympathisch wirken, innovativ auftreten, das ist oft nicht leicht. Zu meinem Zehnkampf gehört aber auch die Familie. Mein älterer Sohn Arvid ist inzwischen Fußballprofi beim FC St. Pauli, und der zwei Jahre alte Aaron macht gerade die ersten sportlichen Gehversuche. Manchmal muss ich regelrecht darum kämpfen, so viel Zeit mit meiner Frau zu haben wie ich das gerne hätte, und auch für mich persönlich muss ich bewusst auf Pausen achten, damit ich mein volles Programm gesundheitlich verkrafte. Zum Abschalten spiele ich Golf und Tennis, gehe Schwimmen oder Laufen am nahen Schlachtensee. Jetzt bin ich umgezogen und habe mir einen Garten gegönnt, der macht auch noch Arbeit.

Den heutigen Zehnkampf des Christian Schenk sehen Sie in dieser Bildergalerie.

Vorbereitung für das Leben nach dem Sport

Der Olympiasieg von Seoul ist auch heute noch Türöffner für mich – er hat ermöglicht, dass ich auch in meinem Leben nach dem Sport als eine gewisse Marke funktioniere. Ich finde, dass Hochleistungssportler genau bei diesem Übergang oft alleingelassen werden. Um sie darin zu begleiten, habe ich in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthilfe ein Eliteforum gegründet. Dort treffen Topathleten auf Koryphäen aus Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Politik. Über Wagner zu reden, die Börse zu verstehen – ich will, dass sie sich neuen Situationen aussetzen. Aufgrund ihrer sportlichen Exzellenz können sie Gleichgesinnte aus anderen Bereichen auf Augenhöhe treffen. Aber sie müssen erstmal lernen, wie das geht. Ein Segler hat das mal so aufgesogen, dass er nachher sagte: Ich fahre jetzt gestärkt zur WM und ich will gewinnen. Andere müssen die Gespräche erstmal verdauen.

Sportler sind eine Repräsentationselite und sollten stolz darauf sein. Sie bringen meist schon viel mit, um auch starke Persönlichkeiten zu werden. Hochleistungssport geht mit viel Verzicht einher, und man lernt als Sportler, immer wieder aufzustehen. Mein Weg zum Olympiasieg ging über viele vierte, achte, zwölfte Plätze. Wenn ich heute einen Auftrag nicht bekomme, hinterfrage ich mich wie damals im Sport: War ich nicht präsent genug, zu teuer, unklar? Manche Athleten sind so clever, dass sie bei allem erfolgreich sind, was sie anpacken – auch, weil sie Initiative ergreifen. Nehmen wir Lena Schöneborn, die Olympiasiegerin 2008 im modernen Fünfkampf. Die war bei mir als Praktikantin, ein echtes Vorbild, total smart, und ihre Sportart ist noch verrückter als meine. Sie hat ein brillantes Zeitmanagement und bleibt immer ruhig und unaufgeregt – ich habe sie extrem schätzen gelernt.

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Christian Schenk findet: Wer von Sportlern Medaillen fordert, darf sie nach der Karriere nicht einfach fallen lassen (Foto: Niklas Schenck)

Ich bin dafür, dass wir Athleten für zwei Olympiazyklen finanziell fördern, in der Zeit müssten sie aber eine Ausbildung abschließen. Dann sollten sie sichere Jobs haben, bis der Anschluss wieder geschafft ist. Nur so kann Hochleistungssport eine gute Schule fürs Leben sein – alles andere kommt einem Ausnutzen der Sportler durch Trainer, Manager und Journalisten gleich, mit Wegwerfmentalität. Gute Trainer und Manager bereiten ihre Sportler auf diesen Übergang vor, aber das sind nicht viele. Man hat eine Verantwortung für diese jungen Menschen, die zunächst eben nur auf einem Gebiet Weltklasse sind und in anderen Bereichen manchmal fast hilflos. Diese Lücke versuche ich mit dem Sporthilfe-Eliteforum zu füllen: Ich erkläre ihnen das Morgen, damit sie das Heute besser verstehen.

Manche Athleten berate ich auch individuell – zum Beispiel den jungen Zehnkämpfer Pascal Behrenbruch. Er kann es schaffen, einer der besten Leichtathleten unserer Zeit zu werden, zugleich ist er in der Vorbereitung auf sein Leben nach dem Sport ziemlich desorientiert. Ich dränge ihn, sich beruflich weiterzubilden, und auch Finanzen wollen geregelt sein. Man verdient ein paar Jahre lang ganz gut Geld, muss aber nachher lange davon zehren – ich versuche ihn zu beraten, wie er es anlegen kann. Er wusste nicht einmal, dass er seine Prämien versteuern muss.

Lohnt sich Hochleistungssport?

Viele Eltern fragen mich heute ob es sich lohnt, Hochleistungssportler zu werden. Wenn das Talent da ist und die Rahmenbedingungen stimmen – auf jeden Fall. Es ist die ultimative Selbstverwirklichung. Zugleich muss man sich klar sein, dass sich die eigene Ausbildungszeit um fünf bis zehn Jahre verlängern kann. Danach muss man sich ganz hinten wieder anstellen, das glauben viele nicht. Dafür sollte man als Profisportler nach Möglichkeit Geld zur Seite legen. Das versuche ich auch, meinem Sohn vorzuleben. Als Fußballprofi verdient er viel Geld, das ist ein traumhaftes Leben – aber eben auch viel Schein. Er soll von mir lernen, dass dieses Dasein Brot und Spiele bedeutet. Darauf, dass er mein Sohn ist, ruht er sich keineswegs aus. „Mein Vater ist Leichtathlet, ich Fußballer“, sagt er. „Das sind zwei Welten, und meine ist übrigens cooler“.

Wie sähe konsequente Sportförderung aus?

Journalisten fragen mich oft, ob die deutsche Nationalmannschaft jetzt nach hinten durchgereicht wird, seit der Wende gingen die Erfolge ja fast stetig zurück. Ich sage: Mit unseren Strukturen werden wir immer eine handvoll Medaillen haben – mehr aber nicht. Ich bin im Zentralismus groß geworden – in den föderalen Strukturen haben wir heute eine Gleichmacherei, die für Hochleistungssport nicht ideal ist. Athleten im Individualsport müssen absolute Egoisten sein, was sich heute weitgehend verbietet. Nicht dass ich für Selbstbeweihräucherung bin, aber das Umfeld muss für Weltklasseleistungen stark auf den Athleten ausgerichtet sein. Wir brauchen professionelle Rahmenbedinungen. Wenn wir irgendwann feststellen, dass wir mehr wollen – und das fordert Innenminister Schäuble ja – müssen wir Sport wieder stärker zentralisieren und nur noch die Athleten fördern, die konsequent bereit sind, mehr zu investieren – wie ein Unternehmer. Nur wenn wir Sport und Ausbildung besser verzahnen, können unsere Athleten wieder ausreichend trainieren. Wir müssen sie gezielt mit Unternehmern zusammenbringen, die sie auch nach der Karriere begleiten.

Fernsehjournalismus – nicht mehr meine Welt

Schenk Moderation

Die Lust am Fernsehen hat Christian Schenk verloren: "Zu viel Ellbogen und Eitelkeit - zu wenig Tiefe" (Foto: Niklas Schenk)

Während meines Studiums in Mainz habe ich vier Jahre lang beim ZDF gearbeitet – ich wollte den Sport zeigen wie er wirklich ist. Was machen Athleten in den letzten Tagen vor einer WM? Wie geht es im Call Room zu, mit all den Psychospielen, wenn man unmittelbar vor dem Wettkampf für 45 Minuten mit seinen direkten Konkurrenten auf 20 Quadratmetern eingepfercht ist. Auch was Sportler in der Realität verdienen, ist viel zu wenig bekannt – ich schätze, dass gerade Mal ein Promille der Leichtathleten derzeit ihren Lebensunterhalt durch Sport bestreiten – denn dafür muss man wenigstens mal zwei Jahre in Folge in der Weltspitze sein. Die anderen kommen vielleicht auf 150 Euro Sporthilfe im Monat, bei 20 bis 30 Stunden Training pro Woche, sonst nichts – oder hätten sie gewusst, dass ein Weltcupsieger im Bobfahren oder Rudern keine Prämie bekommt? Ich glaube wir müssen die Bevölkerung richtiggehend aufklären, wie das Leben eines Hochleistungssportlers in Deutschland heute aussieht. Dafür bräuchten wir Platz für lange Porträts, und das ist meist nicht drin. Aber in 45 Sekunden ein Psychogramm zu liefern verbietet sich doch auch. Was ich hoffe ist, dass es im Internet bald wieder Flächen für lange, gut produzierte Porträts gibt, bei denen der Zuschauer einen Athleten umfassend kennenlernt. Am Fernsehen habe ich irgendwann die Lust verloren – da herrschten zu viel Eitelkeit und Ellbogenmentalität, zu wenig Tiefgang.

Langsame Annäherung

Wir haben vor der WM Legenden der Leichtathletik bei drei Treffen zusammengebracht. Da gab es einige Kritik, weil wir das Dopingthema ausgespart haben. Aber mir war in erster Linie wichtig, dass die Begegnung zwischen Athleten aus Ost und West und aus drei verschiedenen Jahrzehnten überhaupt funktioniert. Damals durften wir uns ja kaum grüßen! Ich saß 1987 einmal drei Minuten neben dem westdeutschen Hochspringer Carlo Tränhardt, da kamen sofort Verbandsoffizielle und haben mich aufgefordert, wegzugehen. Mit 22 Jahren wurde mir signalisiert, das könne mein Karriereende bedeuten. Heute, auch bei diesen Treffen der Legenden, sprechen und lachen Sportler aus Ost und West miteinander, man bringt Verständnis auf für die anderen.

Christian Schenk als Sportfunktionär?

Straddle

Stur oder konsequent? Christian Schenk beim Hochsprung mit der Straddle-Technik (Foto privat)

Ich habe beim Hochsprung immer die Straddle-Technik gemacht, aber stur bin ich deshalb noch lange nicht. Das war für einen 100-Kilo-Mann einfach viel gesünder, und als früherer Turner konnte ich die Bewegung ziemlich gut. Mir war auch wichtig, dass ich dadurch einzigartig war. Aber es stimmt schon, ein bisschen Dickkopf steckt in mir, ich bin auch oft unruhig, kann nicht abwarten, das wird in Partnerschaft und Unternehmen manchmal schwierig. Ob es mal einen Funktionär Christian Schenk geben wird, kann ich nicht ausschließen. Aber vieles geht mir da zu langsam. Wenn ein Auftrag erfolgen würde, im Sinne einer Beratertätigkeit – ich wäre sofort dabei.

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