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Mehr als Laufen – das Magazin zur Leichtathletik-WM 2009 in Berlin

Ruwen Fallers Tagebuch

Der Läufer Ruwen Faller hat bei der WM mit seiner 400-Meter-Staffel den Einzug ins Finale leider verpasst. In seinem Tagebuch - exklusiv für Mehr als Laufen – berichtet er von seiner Vorbereitung auf den Wettkampf und seinen Eindrücken aus Berlin.

Teil VII: Samstag, 22.August 2009

Der Plan, gestern vorneweg zu laufen, ging von Anfang an nicht auf. Schon beim zweiten Läufer war klar, dass wir das nicht packen. Kamghe Gabe hatte nicht seinen besten Tag. Er ist eigentlich unser stärkster Läufer, aber gestern lief er gut eine Sekunde langsamer als sonst. Eric Krueger auf der dritten Position ist ein gutes Rennen gelaufen. Auf Position drei hatte er allerdings auch die schwächsten Gegner. Als Vierter musste ich dann gegen die größten Gegner laufen. Da habe ich dann alles auf eine Karte gesetzt, mich von dem großen Druck verleiten lassen und bin zu schnell gestartet. Auf den letzten 50 Metern war dann einfach die Kraft weg. Die Säure in den Beinen – es ging nicht mehr.

Nach dem Rennen haben wir uns erstmal noch im Stadion ausgelaufen und jeder hat für sich versucht, das Ganze zu verarbeiten. Einige sind dann abends noch weggegangen. Ich habe mich lieber mit meiner Familie getroffen und einen ruhigen Abend verbracht.

Ich hatte das ganze Jahr über hart gekämpft, um bei der WM dabei zu sein. Bis zuletzt war nicht klar, wer aufgestellt wird. So ein Hin und Her hatten wir selten. Dann habe ich mich riesig auf den Wettkampf gefreut – und jetzt ist es schon wieder vorbei. Es war schon ein besonderes Feeling, im Stadion aufgerufen zu werden. Die Freude, bei so einem Ereignis im eigenen Land dabei gewesen zu sein, wird bestimmt noch kommen. Im Moment bin ich aber noch sehr enttäuscht. Wir hatten uns einfach mehr vorgenommen.

Gleich machen wir noch eine Fehleranalyse. Aber das bringt ja auch nicht viel. Morgen muss ich früh zurück nach Magdeburg. Vielleicht werde ich für ein Grand-Prix-Meeting in Italien aufgestellt. Es gibt nur acht Plätze. Aber ich weiß auch gar nicht, ob ich da Lust drauf habe. Ich bin einfach mental müde nach der ganzen Anstrengung und gefrustet, dass wir es nicht ins Finale geschafft haben. Auf jeden Fall werde ich jetzt erstmal Urlaub einreichen und dann geht es weiter. Wie, weiß ich aber noch nicht genau.

Teil VII: Freitag, 21. August 2009

Gestern hatten wir nochmal ein kleines Abschlusstrainig im Mommsenstadion. Zwei, drei Abläufe, Rumpfstabilisation und Gymnastik. Heute geht Martin Grothkopp als erster an den Start. Der erste Mann sollte immer jemand sein, der über das Jahr konstante Leisung gebracht hat und schnell aus dem Block heraus kommt, um uns in eine gute Ausgangsposition zu bringen. 46 Sekunden oder auch schneller. Das wäre eine gute Zeit. Kamghe Gaba wird als zweiter laufen. Er ist der Größte in der Staffel. In dieser Position ist es wichtig, sich zu positionieren. Nach den ersten 100 Metern muss er sich dann auf Bahn eins einorden. Da kommt es schon mal zu Gedrängel. Da muss er sich mit aggressivem Schritt durchsetzen. Abgesehen vom ersten Läufer einer Staffel, der am Startblock beginnt, laufen alle anderen fliegend los. Das liegt mir auch mehr, da ich im Hochstart besser laufe und nicht so schnell beschleunigen kann.

Ruwen Faller auf dem Alexanderplatz. Ein bisschen Abwechslung vor dem Startschuss.    Bild: Therre

Ein bisschen Abwechslung vor dem Startschuss (Bild: Desiree Therre)

Eric Krueger und ich haben etwa die gleichen Qualitäten. Ich laufe auf der vierten Position, da ich viel Erfahrung mitbringe und der stärkste Läufer bin. Als Letzter habe ich es dann mit den Stärksten aus allen anderen Teams zu tun, da die immer am Ende laufen, um das Ding dann einzufahren. Ich hoffe sehr, dass wir ins Finale kommen.

Gestern abend war ich noch ganz entspannt – eigentlich waren wir alle noch ganz locker.  Dann muss man sich aber mental vorbereiten. Jeder für sich. Ich denke verschiedene Situationen durch: Wann ich das Holz bekomme, spiele Plan A und Plan B durch. Dann werde ich aufgeregter und bekomme Lust, zu starten. Eine gewisse Grundanspannung und Agressivität braucht man bei der Staffel.

Doping Kontrolle

Ein festes Ritual vor dem Start habe ich nicht. Ich klebe aber immer meine Schnürsenkel fest, weil es micht nervt, wenn sie beim Laufen rumbaumeln. Bisher bin ich nur einmal während des Wettkampfs kontrolliert worden. In Kienbaum im Trainingslager. Das kann aber immer sein. Sogar heute noch. Dann muss man den Ausweis zeigen, sucht die Toilettentüte, muss aufschreiben was für Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel man nimmt. Der Kontrolleur geht mit mir auf die Toilette, die Probe muss ich dann selber in A und B Probe einordnen. Fläschen fest zu drehen. Die werden dann wieder eingeschweißt. Zum Schluß muss ich dann noch das Protokoll unterschreiben. Vor der WM musste ich auch ein paar mal Blutproben abgeben. Dann ist noch ein Arzt mit dabei.

Heimspiel

Ich glaube, Samstag ist der einzige Tag im Stadion, der schon lange ausverkauft war. Eine WM im eigenen Land ist schon was Besonderes. Und es stimmt, dass die Zuschauer einen pushen. Die gehen dann einfach ab und jubeln einem zu. Das war bei der Europameisterschaft in München auch so. Das passiert einem als deutscher Leichtathlet nicht so oft, da gerade im Sprint andere Teams stärker sind.

Ganz besonders freue ich mich auch auf meine Eltern und meine Freundin, die ihre Eltern auch mitbringt. Dann kommen noch einige aus dem TV Wehr, meinem früheren Verein und Freunde aus meiner Heimatstadt. Auch wenn ich nicht alle vor dem Start sehe kann – zu wissen, dass sie da sind, ist einfach schön.

Teil VI: Freitag, 21. August. 2009

Manchmal steht man sich im Viererzimmer schon auf den Füßen. Da gibts schon mal eine Schlange im Bad. Die Autogrammstunde gestern auf dem Alexanderplatz war eine willkommene Abwechslung. Aber ab heute ist dann viel Schlaf und Konzentration wichtig:

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Gestern hatten wir nochmal eine Besprechung aller Staffel-Teams. Auch die 100-Meter-Staffel war mit von der Partie. Ich werde wahrscheinlich Schlussläufer sein. Dann habe ich den Brocken am Arsch oder vor mir – je nachdem. Mein Ziel:

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Klar ist man vor so einem WM-Rennen angespannt. Wir haben auch drei Teampsychologen dabei. Aber ich kann meine Leistung immer ganz gut abrufen, wenn es soweit ist. Das ist Typsache:

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Am Wettkampftag bin ich dann höchst konzentriert und das Handy bleibt aus.

Teil V: Donnerstag, 20. August

Gestern bin ich wieder um acht aufgestanden, Mittagessen, ein paar nicht so schnelle Trainingsläufe, Physiotherapie, WM im Fernsehen geguckt und dann schlafen gegangen. So sieht im Moment mein Tag aus.

Teil IV: Mittwoch, 19 August 2009

Gestern haben wir Staffelwechsel geübt. Für den Ernstfall. Auch Ausweichmanöver. Wenn führende Nationen schon einen Vorsprung geholt haben, bleibt schon mal ein Läufer bei der Stabübergabe in der Bahn stehen. Manchmal auch ein Trainer, der dann noch schnell was sagen will. Da muss man einen Blick für haben, um dann noch ausweichen zu können. Das klappt instinktiv meist aber ganz gut.

Die Laufgeschwindigkeit kann man beim Training nur simulieren, denn beim Wettkampf wird es dann doch anders laufen – schneller. Wichtig ist auch das Timing.  Zu früh loszulaufen bei der Staffelübergabe ist das Schlimmste. Da hat man dann schnell ein Sechstel versaut.

Danach habe ich noch zwei Tempoläufe ohne Spikes gemacht. Es war ganz schön, heute schon mal die Stadionatmosphäre mitzubekommen. Da trifft man dann auch mal andere Athleten, die man schon kennt. Mit dem Physiotherapeuten von Sanya Richards, die gestern über die 400 Meter Gold geholt hat, habe ich noch ein bisschen gequatscht. Der hat mich in meiner Verletzungsphase 2007 betreut. Da konnte ich eine Saison kein Lauftraining machen, weil die Achillessehne Probleme bereitet hat. Sanya Richards habe ich dann nur noch viel Glück gewünscht. Kurz vor dem Lauf hat man auch keine Lust viel zu reden.

Ruwen Faller im Park vorm Hotel - noch gelassen. Am Samstag geht es los.

Im Park vorm Hotel, ganz gelassen. Am Samstag geht es los. (Bild: Silke Hans)

Manchmal wünsche ich mir hier schon mehr Zeit für mich. Aber das ist auf einem Viererzimmer ja nicht so möglich. Selbst im Doppelzimmer nicht.

Pro Tag haben wir dann auch noch ein oder zwei Besprechungen, die der Bundestrainer festlegt. Da analysieren wir dann eigene Rennen. Letzens haben wir uns zum Beispiel den Lauf des Teams bei der WM 1993 in Stuttgart. Da hat das deutsche Team Bronze geholt. Das Publikum hat sie zu Medaille getragen so zusagen. Denn eigentlich hätten die das nicht geschafft. Und die Strategie auf den ersten 200 Metern sehr aggressiv ranzugehen geht meistens in die Hose.

Dann war es auch schon wieder halb sieben. Ich hab nur noch geduscht und dann haben wir noch WM geguckt.

Teil III:  Dienstag, 18.August 2009

Gestern war nicht viel los. Anreisetag eben. Mit der Frauenstaffel sind wir mit dem Shuttle-Bus von Kienbaum zum Hotel Berlin Berlin gefahren. Hier ist schon viel Trubel; die Jamaikaner und Franzosen sind zum Beispiel auch hier. Ich freue mich aber jetzt mehr im Geschehen zu sein.

Wir sind jetzt auf einem Viererzimmer untergebracht und doch nicht im Doppelzimmer. Aber für knapp eine Woche passt das schon.. Da kann man sich schon arrangieren, da wir uns ja alle ganz gut verstehen.

Gestern haben noch ein bisschen im Park Sekundenläufe trainiert. Der war hier gleich um die Ecke. Und natürlich WM auf unserem Zimmer geguckt.

Heute gehen wir ins Stadion – noch als Zuschauer. Ich freue mich, dass es jetzt richtig losgeht.

Teil II: Montag, 17. August 2009

Gestern habe ich schon mal angefangen meine Tasche zu packen. Heute gegen halb zehn fahren wir nach Berlin. Im Wettkampfhotel, wo die anderen Athleten auch sind, kann man dann das Wettkampf-Feeling nochmal richtig mitnehmen. Da herrscht Stress im positiven Sinne.

Gestern stand dann nur noch Regeneration und Physiotherapie auf dem Programm. Ich bin besonders anfällig an der Achillesferse, deswegen lass ich die immer wieder behandeln. Abends haben wir natürlich WM geguckt. Klar, dass ich mich da vor allem über die deutschen Siege gefreut habe. Nadine Kleinert ist zum Beispiel auch bei mir im Verein in Magdeburg. Hier im Trainingslager sind ja noch viele aus dem deutschen Team und die Stimmung nach so einem guten WM-Start ist super.

Dann ist gestern ja noch die Entscheidung gefallen, wer in der Staffel mitlaufen wird. Auch wenn ich mir relativ sicher war, dass ich dabei sein würde, da der Bundestrainer schon ein paar Andeutungen gemacht hatte – eine gewisse Last fällt schon ab. Dabei sind jetzt Kamghe Gaba, Martin Grothkopp und Eric Krueger, mein Vereinskollege.

Heute Nachmittag gehen wir ins Stadion trainieren, abends dann vielleicht noch eine Behandlung. Die Haupteinheit ist jedenfalls gemacht. Jetzt kommt der Wettkampf.

Teil I: Sonntag, 16. August 2009

Gestern haben wir den Vorlauftag von nächsten Samstag imitiert. Weil das Finale auch um zwanzig vor sechs sein wird, hat das Training heute auch erst um viertel vor fünf angefangen. Das hieß mal ein bisschen länger ausschlafen. Statt um acht gab es um neun Frühstück. Zwischendurch haben wir uns locker warm gelaufen und ein bisschen Gymnastik gemacht, um uns für den Nachmittag in Schwung zu bringen. Den Zeitplan mal so einzuteilen, wie er dann auch beim Finale ist hilft, ein Gefühl dafür zu bekommen sich den Tag richtig einzuteilen. Vielleicht das Quäntchen zum Sieg was dann noch fehlt.

Fotogalerie: “Schwitzen in Kienbaum”. Zum Vergrößern auf die Bilder klicken.

Alle aus der Staffel sind heute 100, 200 und 400 Meter gelaufen. Dazwischen gab es recht lange Trainingspausen. Wenn man 46 Sekunden auf 400 Meter anpeilt, muss man schon schon 22 Sekunden auf den ersten 200 Metern angehen. Jedenfalls muss ich beim Training schneller sein, da man beim Wettkampf immer ein bisschen unter der Trainingsgeschwindigkeit liegt. Nach dem Training ging es in die Kältekammer – minus 110 Grad, zwei Minuten lang. Das soll die Regeneration beschleunigen. In einigen Studien hat man herausgefunden, dass dadurch die Muskulatur schneller durchblutet wird.

Das Training lief heute bei uns allen sehr gut. Und wir brauchen ja für die Staffel vier starke Leute. Jetzt fühle ich mich besser und bin optimistisch, dass ich auch vom Bundestrainer aufgestellt werde. Die Entscheidung fällt heute. Deswegen hieß es gestern nochmal für alle sich in bester Form zu präsentieren. Das ist mir persönlich sehr gut gelungen.

Gestern Abend habe ich dann nichts mehr viel gemacht. Außer die WM-Entscheidungen im Fernsehen mitzuverfolgen. Ansonsten bekommt man ja hier im Trainingslager in Kienbaum nichts mit. Heute machen wir auch nicht so viel. Vielleicht noch ein paar Videoanalysen anderer Staffeln und dann noch Physiotherapie.

Ich bin mit Kamghe Gaba auf einem Zimmer. Wie auch schon bei den Olympischen Spielen in Athen und Peking. Auch sonst versuche ich hier im Trainingslager so normal wie möglich zu leben. Das heißt auch, dass ich regelmäßig Kontakt zu Familie und Freunden habe. So wie immer eben. Am Samstag werden dann auch viele im Stadion sein.

Bild1

Ruwen Faller stellt sich vor:

Geburtstag: 22.7.1980

Geburtsort: Rheinfelden

Sport: Verein SC Magdeburg, Profi seit 1999

Leistung: 100m: 10,81, 200m: 21,24, 400m: 45,74, 800m: 1:48,82

Beruf: Sportsoldat

Hobbys: Rennrad, Mountainbiken, Kino

Das Tagebuch von Ruwen Faller schreibt Désirée Therre auf.

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